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Vergleichende Übersicht: Donut-Ökonomie - Gemeinwohl-Ökonomie

Blogpost von daniela.von-pfuhlstein
Kate RaworthChristianFelber.jpgQuelle: Christian Felber

Vergleichende Übersicht: Donut-Ökonomie – Gemeinwohl-Ökonomie

von Christian Felber

Das Buch, das von seinem „spirit“ her der Gemeinwohl-Ökonomie bisher vielleicht am nächsten kommt und dieser einen soliden theoretischen Rahmen gibt, ist die „Donut-Ökonomie“ von Kate Raworth.

Ich verschlang die englische Version, nachdem ich das Doughnut-Diagramm seit rund zwei Jahren in meinen Vorträgen standardmäßig verwende und, davon inspiriert, die Idee der „Ökologischen Menschenrechte“ entwickelt habe. Das nun vorliegende und nach dem Donut benannte Buch ist in England zu einem absoluten Bestseller geworden und liegt bereits in zahlreichen Übersetzungen vor.

Kate Raworth räumt darin mit einer langen Reihe von Glaubenssätzen und Fehlannahmen der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft auf und präsentiert sieben neue Denkansätze für die Ökonom*in des 21. Jahrhunderts. Kern der Innovation von Raworth ist, dass sie es als Hauptaufgabe der Ökonomie und damit auch der Wirtschaftswissenschaft sieht, die globale Ökonomie innerhalb der Begrenzungen des „Donuts“ zu steuern: oberhalb des „sozialen Limits“ und unterhalb des „ökologischen Limits“. Wirtschaft sei nicht zu „verstehen“, sondern zu designen, plädiert die Ökonomin, die Expertin für Oxfam war und aktuell an der Universität Oxford unterrichtet.

Ich hatte das Glück, Kate nun schon zweimal persönlich zu begegnen, einmal in der Schweiz und einmal in Belgien, wo wir gemeinsam vom Mo-Magazin interviewt wurden. Am 22. April kommt Kate auf Einladung des ORF, des GWÖ-Forschungsvereins und der Gesellschaft für Plurale Ökonomik nach Wien, hier ist die Einladung.

Gemeinsam mit Kate habe ich einen vergleichenden Überblick der beiden ganzheitlichen alternativen Wirtschaftsmodelle "Donut" und "GWÖ" verfasst:

 

Vergleichende Übersicht: Donut-Ökonomie – Gemeinwohl-Ökonomie

 

Donut

GWÖ

Theorie

Ganzheitlich

Ganzheitlich

Einbeziehung von
Erkenntnissen
nderer Disziplinen

Kognitive Linguistik, Psychologie, Ökologie, Feminismus, Erdsystemwissenschaften, Commons-Theorie, Systemtheorie, Institutionen-Ökonomik, Biomimicry, Soziologie, Geschichte, Ethik.

(Sozial-)Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Neurobiologie, Evolutionsbiologie, Spieltheorie, Commons-Theorie, Feminismus, Ökologie, Systemtheorie, Philosophie und Ethik.

Wirtschaftswissenschaft 
(Ökonomik)

Es geht nicht um die Entdeckung von ökonomischen Gesetzen (die gibt es nicht), sondern um die Schaffung eines effektiven Designs der Wirtschaft.

Die Frage ist nicht: Wir funktioniert die Wirtschaft (von Natur aus)? Sondern:
Wie können wir die Wirtschaft so designen, dass sie den Menschen und dem Leben dient?

Struktur des Modells

7 neue Denkweisen für die Ökonom*in des 21. Jahrhdts (Fokus Wi-Wissenschaft)

20 Grundbausteine einer alternativen Wirtschaftsordnung (Fokus Wi-Politik)

Ansatz

Plädoyer eher für neue Denkweisen denn für spezifische Politiken oder Institutionen

Plädoyer für eine neue Rahmenordnung für Wirtschaft und Institutionen

Weltanschauung & Paradigma

Die Ökonomie dient der Befriedigung der Bedürfnisse aller innerhalb der Grenzen des Planeten. Ökonomische Institutionen – von Geld bis Märkte – sind menschengemacht und können jederzeit neu gestaltet werden.

Ganzheitliches Denken, die Wirtschaft ist kein Selbstzweck und kein selbstreferenzielles System, sondern ein Mittel, um höheren Zielen zu dienen. Märkte sind 100% menschengemacht (soziale Subsysteme) und von daher veränderbar.

Sektoren des Wirtschaftens

Vier Grundformen der ökonomischen Versorgung:
Haushalte, Gemeingüter, Märkte, Staat.

Typen ökonomischer Aktivität: Selbstversorgung, Geschenk-Ökonomie, Märkte, Gemeingüter (Allmenden) und Staat.

Kern des Modells

Der Donut als das Ziel für das 21. Jahrhundert: die Bedürfnisse aller innerhalb der Grenzen des Planeten befriedigen; die Wirtschaft wird zum Mittel dafür.

Ziel (Gemeinwohl) & 
Mittel (Geld) zurechtrücken:
chrematistiké → oikonomia
(Aristoteles)

Ziel (Wirtschaft)

Menschliches Wohlergehen in einem blühenden Netz des Lebens – im Donut

Gemeinwohl, das alles Leben einschließt, demokratisch definiert.

Mittel

Nachhaltiges und verteilungsgerechtes Design der Wirtschaft 

Gesetze, Anreize, Vorbilder, Bildung und Bewusstseinsbildung.

Erfolgsmessung

 

Die Maßstäbe des Donuts, abgestimmt auf alle Ebenen: Haushalt, Unternehmen, Stadt, Staat, Staatengemeinschaft.

BIP → Gemeinwohl-Produkt
Profit → Gemeinwohl-Bilanz
ROI → Gemeinwohl-Prüfung

BIP-Wachstum

BIP ist eine Folgegröße, die langfristig die Form einer S-Kurve annimmt

BIP-Wachstum = irrelevant (außer als Bezugsgröße für Steuern oder Geldmenge)

Kooperation - Wettbewerb

Wir engagieren uns typischer Weise in bedingter Gegenseitigkeit, und praktizieren sowohl Kooperation als auch Wettbewerb

Kooperation belohnen (je systematischer, desto stärker), Konkurrenz negativ anreizen, “Kontrakurrenz” stark negativ anreizen

Care Work

Der Haushalt ist der Kern der Ökonomie. Care Arbeit sollte anerkannt, belohnt und geschlechter-gerecht aufgeteilt werden.

Öffentliche Dienstleistung, bezahlt, mit Anreizen für gleiches Engagement der Geschlechter.

Arbeitszeit

Kürzere Arbeitswochen wären ein Weg zur Umverteilung von bezahlter Arbeit und würden gleichzeitig Zeit für Commons, Haushalte und Muße schaffen.

20 Stunden (in langsamer Annäherung) um Zeit umzuverteilen in Richtung Selbstversorgung, Beziehungen, Commons, Gemeinwesen und ein gutes Leben für alle.

Ungleichheit

20. Jahrhundert: Begrenzung der Ungleichheit durch Umverteilung des Einkommmens;
21. Jahrhundert: auch die Quellen der Wohlstandserzeugung gerecht verteilen.

Negative Rückkoppelungen für:
- Einkommen
- Eigentum
- Erbschaften (“demokratische Mitgift”)
- Unternehmensgröße

Eigentum

Gerechte Verteilung der Verfügungsmacht über die Quellen der Wohlstandserzeugung: Gesundheit & Bildung; Energie- und Informationssysteme; Unternehmenseigentum; Boden und Immobilien; Technologie; Geldschöpfung.

Vielfalt an Eigentumsformen:
privates, öffentliches, kollektives, soziales Eigentum, Nutzungsrechte & Schutzrechte (Rechte der Natur), ...
Bedingungen und Begrenzungen für alle Eigentumsformen.

Unternehmenseigentum

Selbstverwaltete Unternehmen, Genossenschaften und andere Formen der streuenden Eigentümer*innenschaft fördern

GW-Bilanz fördert Dekonzentration der Entscheidungs- und Eigentumsmacht, wird verstärkt durch negative Feedbackmechanismen.

Soziale Verantwortung von Unternehmen, Corporate governance

Zweck, Governance, Netzwerke, Eigentum und Finanzierung eines Unternehmens bewerten: sind sie (re)generierend oder degenerierend? Rahmenwerke wie GWÖ, Reporting 3.0 oder Future Fit Benchmark.

Gemeinwohl-Bilanz (DNA aller Rechtsformen), verknüpft mit verschiedenen positiven/negativen Anreizen: Steuern, Zölle, Zinsen, öffentliche Beschaffung, Wirtschaftsförderung, Forschungsprojekte, ...

Werbung

Menschen haben keine ‘fixen Präferenzen’ sondern eher fließende Werte, die täglich aktiviert werden können, z.B. durch Werbung.

- Verzicht auf Werbung in Massenmedien
- Information statt “Werbung”
- Produktinformationsystem (GW-Bilanz)

Geldschöpfung

Das Design des Geldes – seine Schöpfung, Eigenschaften, Verwendungen – beeinflusst unser Verhalten, Beziehungen und Verteilung.

Von Vollgeld zum Souveränen Geld

Geldsystem

Wechsel vom aktuellen monetären Monokultur zu einem ökosystemaren Design von Währungen

Geld ist ein öffentliches Gut: Democratisches Design von Zentralbanken, globale (ICU) und lokale Komplementärwährungen.

Zinsen

Zinsen funktionieren konträr zur Thermodynamik des Lebens. Könnte eine Schwundgeld-Währung so angelegt werden, dass sie sozial und ökologisch nachhaltige Investitionen fördert?

Negativzinssystem für Sparer*innen, durchschnittlicher Kreditzins von null Prozent für Investitionen, kombiniert mit einer ethischen Bonitätsprüfung für Kredite – auch, um Inflation zu vermeiden.

Banken

Ethisches Banking fördern, das in Übereinstimmung mit dem “lebendigen Sinn” von Unternehmen ist.
Öffentliche Infrastrukturbanken auf transformative Investitionen fokussieren.

Gemeinwohl-Banken und Gemeinwohl-Börsen (private und öffentliche), die eine Gemeinwohl-Prüfung (ethische Bonitätsprüfung) bei allen Finanzierungen (Fremd- oder Eigenkapital) durchführen, deren Ergebnis entscheidend ist.

Technologie

Open-source-Software und -Hardware oder Creative-Commons-Lizenzen fördern, als Mittel, um den Zugang zu den Quellen der Wohlstandserzeugung zu verbreitern.

Technologie ist ebenfalls nur ein Mittel.
Soziale Innovationen sind aktuell wichtiger: Gewaltfreie Kommunikation, Systemisch Konsensieren, Demokratie-Konvente, ...

Ökologie

Mit und innerhalb der Zyklen der lebendigen Welt arbeiten: nachhaltiges Design, cradle-to-cradle, Open Source Circular Economy

GW-Bilanz und -Prüfung, Cradle-to-cradle, Ökosoz. Steuerreform, Globales Ressourcen-management, Ökologische Menschenrechte, ...

Resilienz

Diversität, Redundanz, verteilte Netzwerke.  Resilienz durch Evolution: diversifiziere – selektiere – verstärke!

Dezentrale Strukturen, Vielfalt, negative Rückkoppelungen, BürgerInnen-Beteiligung (souveräne Demokratie)

Was wirklich zählt

Leben im Donut ist die Voraussetzung für alles, was wirklich zählt: für das Wohlergehen der Menschen – wie es Manfred Max Neef mit den Grundbedürfnissen gezeigt hat.

8 neue Unterrichtsinhalte: Gefühlskunde, Kommunikations-, Werte-, Demokratiekunde, Naturerfahrung, Körpersensibilisierung, Handwerk und Kunst.

Kraftquellen

Wähle mit Bedacht die Begriffe und Bilder, die Du zeichnest, verwendest und lehrst.
Wir alle tragen mit dem, was wir tun, zur Evolution von – lebendigen – Systemen bei. Sei keine OptimistIn, wenn es Dich entspannt! Sei keine PessimistIn, wenn es Dich aufgeben lässt. Sei eine AktivistIn und frage: Was kann ich tun?

Gelingende Beziehungen:
- mit Dir selbst (Körper, Geist und Seele)
- mit anderen Menschen
- mit der Natur
- mit dem größeren Ganzen =
Sinn & Spiritualität

 

Christian Felber und Kate Raworth, 20. März 2018

 

zum Download Vergleichende Übersicht: Donut-Ökonomie – Gemeinwohl-Ökonomie als PDF