GWÖ-Blog

Liebe Schüler*innen geht bitte weiter auf die Straße!

Blogpost von daniela.von-pfuhlstein
SchülerStreik.jpgQuelle: Maren Scheffler

Ein kurzer Brief in drei Teilen an die Schüler*innen, die jeden Freitag für ihre Zukunft auf die Straße gehen, und an deren Eltern und Lehrer*innen.

Erster Teil

Liebe Schüler*innen,

im Grundgesetz steht: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere (…)“ (Artikel 20a).

Ihr wisst, dass unser Staat dieser Verantwortung nicht nachkommt. In keiner Weise. Und Ihr wisst, dass wir unsere Natur schützen und pflegen sowie Verschmutzung mit Schadstoffen, Vermüllung und Massentierhaltung beenden müssen. Ein großer Teil meiner Generation weiß dies auch, ist aber (aus Gewohnheit, Gleichgültigkeit, Ablenkung oder auch finanzieller Abhängigkeit bis Armut) nicht in der Lage, den notwendigen Wandel durchzuführen.

Dies könnt nur Ihr! Und Ihr habt alle Fakten und Argumente auf Eurer Seite. Es geht um Eure Lebensgrundlagen und Eure Zukunft. Nur Ihr könnt es schaffen, den großen Betrug von Lobby-Politik und deregulierter Geld-Finanz-Wirtschaft an uns allen zu beenden.

Gebt bitte nicht auf, geht bitte weiter auf die Straße, so viele wie nur möglich.

Ihr habt meine größte Wertschätzung und Bewunderung.

Aus meiner Generation ist das geworden, was der große Erich Kästner in seiner Rede an die Erstklässler schon 1961 geschrieben hatte: Aus Früchtchen soll Spalierobst werden. Der größte Teil meiner Generation ist angepasstes, normiertes und „untertäniges“ Spalierobst.

Bleibt Ihr bitte – oder werdet es wieder – Früchtchen!
Euer Gunther Moll

Zweiter Teil

Liebe Eltern und Großeltern,

es gibt viele Gründe, auf unsere Kinder und Enkelkinder stolz zu sein. Zum Beispiel auch auf gute Schulleistungen oder braves Verhalten.

Aber noch viel wichtiger ist es, dass unsere Kinder und Enkelkinder für sich und ihre Ziele eintreten und – wenn nötig – sogar dafür kämpfen. Und dafür ist es allerhöchste Zeit.

Bitte unterstützen Sie Ihre Kinder und Enkelkinder! Sie kämpfen für uns alle. Und das muss uns einfach ganz besonders stolz machen.

Ich bin es,
Ihr Gunther Moll

Dritter Teil

Verehrte Lehrer*innen,

als Schüler wurde mir oft gesagt, ich lerne „fürs Leben“. Und was haben wir aus unserem Leben und unserer Umwelt gemacht?

Umweltverschmutzung und Vermüllung – Flächenfraß und Bodenversiegelung – Monokulturen und Artensterben – Massentierhaltung und Genmanipulation – Datenüberwachung hin zum gläsernen Bürger – Massenwerbung und Konsumrausch – Profit und Gewinnmaximierung um jeden Preis – Leistungsdruck in Beruf, Familie und Privatleben – Zunahme chronischer Krankheiten wie psychischer Störungen – Vereinsamung im Alter – und noch vieles mehr …

Dies wollen unsere Schüler*innen endlich ändern. Und dafür gehen sie jetzt jeden Freitag auf die Straße. Bitte fragen Sie sich, auf welcher Seite Sie stehen, ob Sie nicht schon „dressierte Staatsbürger*innen“ sind und welche Interessen Sie vertreten.

Ich hoffe sehr, die Ihrer Schüler*innen und deren Zukunft.

Unterstützen Sie Ihre Schüler*innen und lassen Sie diese auf die Straße gehen. Sie sind keine Kinder und Jugendlichen mit oppositionellem, aggressivem, dissozialem oder delinquentem Verhalten. Sie sind keine Schulschwänzer, sie haben keine Störung des Sozialverhaltens. Ganz im Gegenteil, sie zeigen Gewissen, Verantwortung und Mut!

Die Störung des Sozialverhaltens hat unser politisches Establishment. Es setzt seine Macht über seine Abgeordneten mit größtem Druck durch; es belügt seine Wähler*innen mit nicht eingehaltenen Versprechungen und verdeckter Parteienfinanzierung; es betrügt uns mit Ressourcenverschwendung, Niedriglohnsektor, Steuerschlupflöchern, Rentensystem und Altersarmut; es zerstört mit Schadstoffbelastung sowie Vermüllung unsere Nahrung, Gesundheit und Umwelt; es quält Tiere in Massentierhaltung; es weigert sich – wie bei der „Dieselkrise“ – seine Hausaufgaben zu erledigen und läuft vor Problemlösungen – wie bei der Erderwärmung – davon.

Geben Sie nicht ihren Schüler*innen Verweise, sondern den richtigen Schuldigen: Dem politischen Establishment, den Lobby-Politiker*innen und der deregulierten Finanzwirtschaft.

Es hat schon so oft die Falschen getroffen.

Bitte diesmal nicht.
Ihr Gunther Moll

Professor Dr. Gunther Moll ist Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen. Er setzt sich für die Rechte der Kinder ein. Gemeinsam mit seinem Sohn Benjamin veröffentlichte er 2012 im Papeto Verlag das Buch "DieKinderwagenRevolution" und 2016 "Der Umbruch: Wie Kinder, Eltern und Großeltern unser Land veränderten". 2018 publizierte er zusammen mit Sarah Benecke und Günter Grzega "Die Vorstufe zum Paradies für uns alle". Gunther Moll ist politisch aktiv. Für die Freie Wählergemeinschaft Erlangen ist er im Stadtrat.