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Die Sustainable Development Goals und das Gemeinwohl

Blogpost von daniela.von-pfuhlstein
BlogKasperMatrix.jpgDie Förderung der SDGs durch die jeweiligen Gemeinwohl-Themen der Gemeinwohl-Bilanz

Im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen im Rahmen der Agenda 2030 die Sustainable Development Goals (SDGs) verabschiedet. Als Nachfolger der Millennium Development Goals (MDGs), die für den Zeitraum 2000 – 2015 als wesentliche Wegweiser für die globalen Entwicklungsziele dienten, stehen die SDGs nun ganz im Zeichen einer Transformation zu einer globalen, nachhaltigen Entwicklung für People, Planet, Prosperity, Peace and Partnership bis zum Jahr 2030.1 

Die Sustainable Development Goals bestehen aus 17 Oberzielen und lassen sich als Versuch der Weltgemeinschaft verstehen, diverse globale Herausforderungen zu bewältigen.2 Wie die nachstehende Abbildung zeigt, können die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele den fünf Dimensionen people, planet, prosperity, peace und partnership zugeordnet werden. Dies zeigt, dass die SDGs mehrdimensional angelegt sind und sowohl ökologische und soziale als auch ökonomische Zielsetzungen beinhalten. Der Charakter der SDGs lässt sich zudem als universell, interdependent und ambitioniert bezeichnen.

BlogKasperClusterung.jpgClusterung der SDGs nach den "5Ps"

Können die SDGs ihr Versprechen erfüllen?

Die Verabschiedung der SDGs stellt für die Weltgemeinschaft einen Schritt nach vorne dar, indem das Ziel der globalen nachhaltigen Entwicklung wieder stärker in den Fokus der politischen Agenda gerückt wird und die Armutsbekämpfung gleichwertig in das Zielsystem integriert wurde. Gleichzeitig sind die SDGs allerdings auch ein Ansatz, der wesentliche, nicht ausgesprochene Widersprüche enthält. So existiert ein potentieller Widerspruch zwischen SDG 8 (Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und faire Arbeit schaffen) und unter anderem den SDGs 13 (Klima umfassend schützen), 14 (Die Weltmeere schonen) und 15 (Schutz der Ökosysteme), da ein effektiver Schutz des Klimas und der Ökosysteme unter Beibehaltung des Anspruchs von dauerhaftem Wirtschaftswachstum durchaus in Frage gestellt werden muss.

Dem Wirtschaftsmodell der SDGs liegt das Wohlstands- und Wachstumsmodell zu Grunde, mit dem die More Developed Countries (MDCs)3 die Weltgemeinschaft in die Umwelt- und Ressourcenkrise hineingeführt haben. Mit dem gleichen Wirtschaftsmodell sollen nun die Less Developed Countries (LDCs) auf das Niveau der MDCs gehoben werden. Das wird nicht gelingen, da die Ressourcen des Planeten dabei um ein Vielfaches überfordert werden. Die SDGs thematisieren nicht, in welche Richtung sich das Konsumniveau in den MDCs verändern müsste, um Raum für das Wachstum des Konsums in den LDCs zu schaffen. Ein selektives Wirtschaftswachstum, das den Ökonomien der LDCs die Befriedigung der materiellen Grundbedürfnisse der eigenen Bevölkerung durch weiteres Wachstum ermöglicht, gleichzeitig aber dringend benötigte Suffizienzstrategien der MDCs beinhaltet, spielt im Rahmen der Agenda 2030 keine Rolle. Ohne derartige Trade-offs anzusprechen, bieten die SDGs keine realistische Entwicklungsstrategie an und bleiben sehr wahrscheinlich fromme Wünsche.

Die MDCs konnten gegenüber den LDCs im historischen Kontext ungleiche Tauschverhältnisse durchsetzen und haben die Entwicklung von florierenden nationalen Wirtschaften be- und verhindert. Die MDCs verfügen außerdem über relativ stabile Institutionen, Regierungssysteme und Rechtsordnungen. Das nutzen sie bei der Gestaltung der Strukturen und Machtverhältnisse in internationalen Institutionen (z.B. Weltbank, IWF, WTO). Die LDCs sind in der globalen Interaktion weiterhin institutionell benachteiligt und den dominierenden MDCs untergeordnet.

Das Ansinnen um Hilfe4 der MDCs an die LDCs wird seit den Jahren der Entstehung dieser Macht-Ungleichgewichte nur kosmetisch befriedigt. Deshalb muss die Frage gestellt werden, ob die SDGs stark illusionär sind, denn die materiellen Austauschverhältnisse sind weiterhin zu Lasten der LDCs gestaltet. Die Wirtschaftsorganisationen der MDCs profitieren von schwachen gesetzlichen Regeln zum Schutze von Menschen und Natur in den LDCs. Bisher gibt es keine Anzeichen, dass diese Haltung der dominierenden Staaten in Veränderung begriffen ist. Die Unternehmen Europas exportieren, z.B. mit staatlicher Förderung, ihre überschüssigen Agrarprodukte in die LDCs und behindern dort die Ansätze von Ernährungs-Souveränität.

Wenn angesichts dieser historischen Erfahrungen des Umgangs mit mächtigen Interessen die SDGs eine Chance der Verwirklichung haben sollten, müssten die Regierungen und Unternehmen der MDCs

  • ihren eigenen Ressourcenverbrauch einschränken und konsequente Suffizienzstrategien anwenden, sowie
  • faire Austauchverhältnisse in den wirtschaftlichen Beziehungen mit den LDCs einführen und
  • effektive Regierungs- und Rechtsinstitutionen sowie soziale Sicherungsnetze in den LDCs in internationaler/überregionaler Verantwortung mitentwickeln.5 

In einer solchen, von humanistischer Werthaltung, sozialer Gerechtigkeit und internationaler Solidarität inspirierten Gesamtstrategie könnten Unternehmen die SDGs als Orientierungsrahmen nutzen, ihren Teil zur nachhaltigen Entwicklung beizutragen.

Festzustellen ist allerdings, dass ein Großteil der Regierungen und Konzerne der MDCs „Cherry Picking“ betreibt und sich nicht zur Widersprüchlichkeit der SDGs verhält. In einer Umfrage der IHK München  geben z.B. 70 Prozent der befragten Unternehmen an, zum SDG 8 (Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und faire Arbeit schaffen) beitragen zu wollen. Zu den Zielen 1 (Keine Armut) und 2 (Kein Hunger) erkennen nur 24 bzw. 11 Prozent ihren Beitrag. Damit wird z.B. die Verantwortung für faire Bezahlung innerhalb der Lieferkette weitgehend aus dem Verantwortungsrahmen entfernt.

Im Gegensatz zur Vorgehensweise der konventionellen Unternehmen fallen Unternehmen, die sich der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) zugehörig erklären durch eine problemlösungs-orientierte, ethisch motivierte Herangehensweise auf.

Der Beitrag der Gemeinwohl-Ökonomie zu den Sustainable Development Goals

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) hat die Etablierung einer ethischen, ökologisch nachhaltigen und sozial gerechten Wirtschaftsordnung zum Ziel und betrachtet ganzheitlich alle Unternehmenspraktiken, die dazu beitragen. Im Zuge dieses Ansatzes betreiben Unternehmen im Kontext der SDGs kein „Cherry Picking“. Sie akzeptieren z.B. die faire und ökologische Gestaltung der Lieferkette als aktive Herausforderung und adressieren die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs. Durch diese ganzheitliche Gestaltung der Unternehmenspraxis entsteht aus einzelwirtschaftlichen Leistungen ein Wertbeitrag für die Gesellschaft.

Das Kerninstrument des GWÖ-Modells ist die Gemeinwohl-Bilanz, die sowohl zur ethischen Organisationsentwicklung sowie als Nachhaltigkeits-Berichtsrahmen verwendet werden kann. Damit wird der Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl sichtbar und messbar.

Die ganzheitliche Unternehmensbetrachtung der Gemeinwohl-Bilanz entspricht dem interdependenten Charakter der SDGs sehr gut7. Sie zeigt Unternehmen inwieweit die „SDG-Performance“ negative soziale, ökonomische und ökologische Auswirkungen verringert bzw. positive Auswirkungen verbessert werden können.

Wie obenstehende Abbildung zeigt, wird innerhalb jedes Gemeinwohl-Themas mindestens ein SDG adressiert, tendenziell sogar mehrere SDGs. Die Unternehmensleistungen in den Gemeinwohl-Themen A1 „Menschenwürde in der Zulieferkette“, B3 „Sozial-ökologische Investitionen und Mittelverwendung“ und E3 „Reduktion ökologischer Auswirkungen“ tragen besonders hochgradig zur Umsetzung der SDGs bei (es werden jeweils acht bzw. neun SDGs adressiert). Eine hohe Aktivität in diesen drei Themen verbessert erstens die ökologische Nachhaltigkeit der Wirtschaft in den MDCs und verlangt Schritte in Richtung Suffizienz, sie verbessert zweitens in der Konsequenz das Lebensniveau in den LDCs und verbindet das drittens mit dem Schutz der planetarischen Grenzen, die die ökologischen Grundlagen für das menschliche Leben auf unserem Planeten markieren.

Die Gemeinwohl-Bilanz ist ein empfehlenswertes Instrument, um die Praktiken eines Unternehmens auf die Unterstützung der SDGs auszurichten. Sie entspricht in punkto Ganzheitlichkeit, Ambitionsniveau, Interdependenz und transparentem Umgang mit widersprüchlichen Zielen den Anforderungen der SDGs in hervorragender Weise.

Dass es dabei von Unternehmensseite Bedarf gibt, zeigt eine Umfrage des deutschen Global Compact Netzwerks, der zufolge 72 Prozent der deutschen Unternehmen (379 teilnehmende Unternehmen) die SDGs für ihr eigenes Unternehmen für relevant halten8. Gleichzeitig haben aber bisher lediglich 13 Prozent der Unternehmen (insgesamt 986 befragte deutsche und ausländische Unternehmen) die für sie passenden Instrumente zur Umsetzung der SDGs identifiziert9.

Allerdings kann der alleinige Beitrag von Unternehmen zu einer globalen nachhaltigen Entwicklung die erfolgreiche Umsetzung der Agenda 2030 nicht gewährleisten. Vielmehr bedarf es zusätzlich einer Veränderung der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, die eine konsequente nachhaltige Unternehmensführung unterstützen und fördern. Um es in den Worten von Prof. Dr. Hubert Weiger auszudrücken:

„Wir brauchen mutige politische Entscheidungen, die weniger Wachstum und mehr Nachhaltigkeit belohnen, die Gemeinwohl statt Gewinnstreben fördern“10.
Prof. Dr. Hubert Weiger, BUND und Mitglied des Rates für nachhaltige Entwicklung 

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  1.   Vgl. Vereinte Nationen (2015), S. 1 f.
  2.   Vgl. zum nachfolgenden Absatz: Vereinte Nationen (2015), S. 15.
  3.   MDC/LDC wird hier verwendet als Synonym für Begriffe, die den Gegensatz beschreiben: früh bzw. spät industrialisierte Länder, materiell reiche bzw. arme Länder, Länder des Nordens bzw. des Südens, Kolonial-Länder bzw. kolonisierte Länder. Es soll das Gefälle beschrieben werden zwischen den Ländern, die andere beherrscht haben und denen, die beherrscht wurden. Dieser Gegensatz existiert noch heute, soll aber nicht-diskriminierend beschrieben werden.
  4.   “Hilfe” ist in diesem Kontext ein Begriff, im internationalen System der sog. Entwicklungszusammenarbeit, der oft die Interessen der Wirtschafts- bzw. Exportförderung der Geberländer verschleiert.
  5.   Es gilt zu beachten, dass es sich dabei nicht um “neo-koloniale” Eingriffe handeln soll, bei denen die MDCs den LDCs kontextunabhängig institutionelle Lösungen überstülpen. Vielmehr muss eine ehrliche Unterstützung auf Augenhöhe stattfinden, die den LDCs Spielraum zur Entwicklung eigener Institutionen ermöglicht.
  6.   Vgl. Forum Nachhaltig Wirtschaften (4/2017), S. 18 ff.
  7.   Vgl. zum nachfolgenden Absatz: Kasper (2018), S. 37 ff.
  8.   Vgl. Deutsches Global Compact Netzwerk, u.a. (2016), S. 7 ff.
  9.   Vgl. PwC (2015), S. 26 f.  
  10.   Rat für nachhaltige Entwicklung (2018), URL: https://www.nachhaltigkeitsrat.de/ueber-den-rat/, Abruf am 17.01.2018.

Quellen

Blumers, Miriam / Junglewitz, Georg / Kaumanns, Sven (2016): Sustainable Develop-ment Goals, Indikatoren für die Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung, Hg. V. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.

Deutsches Global Compact Netzwerk / econsense-Forum nachhaltige Entwicklung der deutschen Wirtschaft e.V. (2016): Sustainable Development Goals in der deutschen Wirtschaft. Relevante Handlungsfelder und Unterstützungsbedarf, in: www.fountainpark.fi, Stand: 29.06.2018, zum Download verfügbar, URL: http://www.fountainpark.fi/de/sdgs-in-der-deutschen-wirtschaft/, letzter Abruf am 04.07.2018.

IHK München und Oberbayern, in: Forum Nachhaltig Wirtschaften 4/2017, Altop Verlag

Kasper, Matthias (2018): Die Gemeinwohlbilanz als förderliches Instrument für die Umsetzung der Sustainable Development Goals in deutschen Organisationen, Berlin.

PricewaterhouseCoopers (2015): Make it your business: Engaging with the Sustainable Development Goals, in: www.pwc.com, Stand: 29.06.2018, zum Download verfügbar, URL: https://www.pwc.com/gx/en/sustainability/SDG/SDG%20Research_FINAL.pdf, letzter Abruf am 04.07.2018.

Sachs, Jeffrey (2012): From Millenium Development Goals to Sustainable Development Goals, in: The Lancet, Jg. 379, H. 9832, S. 2206–2211.

University of Cambridge Institute for Sustainability Leadership (CISL) (2017): Towards a sustainable economy. The commercial imperative for business to deliver the UN Sustainable Development Goals, in: www.cisl.cam.ac.uk, Stand: 22.12.2017, zum Download verfügbar, URL:https://www.cisl.cam.ac.uk/publications/publication-pdfs/towards-a-sustainable-economy, letzter Abruf am 30.12.2017.

Vereinte Nationen (2015): Transformation unserer Welt. die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, Resolution A/70/L.1, New York City.

Weizsäcker, Ernst Ulrich et.al. (2010): Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum, Droemer Knaur Verlag.


Verfasser

Gerd Hofielen, Humanistic Management Practices gGmbH, ist Unternehmensforscher und -berater für ethische Unternehmensentwicklung. Er unterstützt den werte-orientierten Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie. Zu erreichen: Gerd.Hofielen@HM-Practices.org

Matthias Kasper, M.A. Nonprofit-Management & Public Governance, hat im Zuge seiner Masterthesis die potentielle Verknüpfung der Gemeinwohl-Bilanz mit den Sustainable Development Goals untersucht. Zu erreichen: matthias.kasper89@gmail.com