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Der Konsument als Auftraggeber der Wirtschaft

Blogpost von daniela.von-pfuhlstein
© Ralf Bohde

Der Konsument als Auftraggeber der Wirtschaft

Von Rainer Müller, Koordinator der GWÖ-Regionalgruppe Stuttgart und Autor des Buch König Kunde: Kurzgeschichten für Konsumenten

Perspektiven einer demokratischen Bedarfswirtschaft

Die DDR war über 40 Jahre lang ein historisch lehrreiches Versuchslabor dafür dass man Wirtschaft nicht nach ideologischem Plan vom Schreibtisch aus steuern kann Zwischen die drei organisch zusammenwirkenden Elemente Produktion, Handel und Konsumtion hatte man, entgegen ihrer Eigendynamik, eine bürokratische Steuerungsstelle zur Vorausberechnung eines politisch gewünschten Bedarfs implantiert. Seit dieser Zeit ist der Begriff Bedarfswirtschaft negativ besetzt.

Woher kommt es, dass Produktion und Handel den Konsumenten bisher als mehr oder weniger passives Objekt ihrer Geschäftspolitik benutzen, und nicht als gleichberechtigten Partner? Wie ist es möglich, dass Unsummen für Marktforschung, Werbung, künstliche Bedarfserzeugung und spekulative Überproduktion ausgegeben werden?

Warum werden volkswirtschaftlich wichtige Informationen des Bedarfs nicht beim Konsumenten selbst eingeholt? Die meisten Mitarbeiter von Produktion und Handel, vor allem in den unteren Gehaltsrängen, sind vermutlich überzeugt im Markt sachgemäß und zum Nutzen des Kunden tätig zu sein. In den höheren Rängen argumentiert man mit der wissenschaftlich-psychologisch untermauerten Marktforschung. Kurz gesagt, den verantwortlichen Strategen in diesen Sektoren kann es im Wesentlichen nur um Mehrumsatz und Rendite gehen, nicht aber um eine volkswirtschaftliche oder ökologische Vernunft des Gemeinwohls! Dafür wäre eine andere Marktforschung notwendig: Intentionen und Fragestellungen, die auf den Gemeinwohl-Bedarf zielen müssten den Mittelpunkt darstellen.

Schon deshalb wären demokratisch organisierte Konsumentenorganisationen auf Augenhöhe mit der Wirtschaft, nach Branchen gegliederte Konsumentenräte ein wichtiges Korrektiv. Der aufgeklärte Bürger und Konsument hat nicht nur die authentische Voraussetzung seinen wirklichen d.h. gesunden und lebensgemäßen Bedarf zu artikulieren, er ist auch informierter denn je, sozial kompetenter und objektiver als die Strategen der Wirtschaft.

Der informierte Bürger denkt heute in größeren sozial-ökologischen Zusammenhängen und macht sich Sorgen über die Zukunft unseres Planeten. Insofern hätten Konsumentenräte nicht nur die ökonomische Systemfunktion sondern es ist auch sozialpsychologisch zu erwarten, dass sie gleichzeitig aus Gemeinwohl-Verantwortung unbestechliche, demokratische Anwälte für Ökologie und soziale Gerechtigkeit wären.

In diesem Zusammenhang ist die 2012 von Bertelsmann erstellte Studie, nach der 85 Prozent der Deutschen sich ein anderes Wirtschaftssystem wünschen, sehr sprechend.

Viele Menschen sind sich heute bewusst, dass sie zu viel verbrauchen und einige ziehen daraus auch praktische Konsequenzen, durch weniger materiellen Bedarf „Souveränität durch Reduktion“ (siehe Nico Paech, Postwachstumsökonomie) schaffen sie sich Freiraum und Lebensqualität.

Die Zeichen deuten darauf hin, dass wir durch die zu Ende gehenden Weltvorräte, ökologische Zerstörungen und soziale Verwerfungen auf eine wachstumsunabhängige, suffiziente, verbrauchsreduzierte Ökonomie zusteuern werden. Spätestens dann wird es um eine demokratisch vereinbarte Bedarfswirtschaft gehen müssen.

Die bestehenden Verbraucherschutzorganisationen sind kein Ersatz für proaktive Konsumentenräte.

Auf dem Weg zur Verwirklichung der hier skizzierten Zukunftsaufgabe den Konsumenten als funktional notwendigen Mitgestalter in das Marktgeschehen zu integrieren, stellen sich einige wichtige Organisationsfragen:

● Könnten sich aus Initiativen wie z. B. die in einigen Städten gegründeten Ernährungsräte oder aus der zivilgesellschaftlichen Bewegung Wir haben es satt auch wirtschaftspolitische Volksbegehren entwickeln, damit Konsumentenräte als gesetzlich abgesicherte Gesprächspartner in Zukunft bei Produktion und Handel mitentscheiden?

● Wäre es damit auch vorstellbar, dass der Staat eines Tages, ähnlich wie bei den Verbraucherschutzorganisationen, Impulsgeber wird, bzw. Schirmherrschaft sowie finanzielle Förderung für Konsumentenräte übernimmt?

● Oder könnte der Impuls sogar von der Wirtschaft ausgehen, welche im systemischen Einbezug von Konsumentenräten Vorteile erkennt, was Planbarkeit, Umsatzsicherheit und Entlastung im Bereich der Marketingkosten usw. betrifft?

Seit den 80-iger Jahren haben sich besonders im Bereich der Landwirtschaft schon modellhafte Assoziationen zwischen Konsument und bäuerlicher Produktion entwickelt. Begünstigt durch die meist kürzeren Wege zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Konsumtion praktizieren bereits viele Bauernhöfe die sogenannte Solidarische Landwirtschaft, bei der Konsument und Produzent sich für Bedarf, Produktion und Finanzierung so abstimmen, dass für beide Teile Sicherheit und Vertrauen entstehen kann.
Siehe hierzu z.B. HANSALIM (eine große Assoziation von Bauern und Konsumenten in Südkorea) und C'est qui le patron? (ähnlich, aber mit noch höherem Anspruch marktwirtschaftlicher Mitspieler zu sein in Frankreich).

Auch wenn Landwirtschaft, Konsument und Handel einen relativ überschaubaren Zusammenhang bilden und nicht die gesamte Marktwirtschaft in ihrer Komplexität abbilden, sind die obigen Beispiele doch ein Modell dafür, welche ökologisch und sozial gesundende Rolle eine Konsumenten-initiierte Bedarfswirtschaft auch im Großen haben könnte.

Der Bürger als Konsument wird eine systembestimmende Rolle einnehmen müssen. Manche der oben aufgeführten Beispiele, machen Mut, sie zeigen, dass der Konsument zunehmend aus seiner passiven Rolle heraus drängt, seine Souveränität als der Auftraggeber der Wirtschaft wiedererlangen will und sich als selbstbewusster Initiator einer zukünftigen Gemeinwohl-Ökonomie verantwortlich macht. Jetzt braucht es eine Politik der Ermöglichung und Förderung um einer solchen demokratischen Bedarfswirtschaft den Boden zu bereiten.

 

Zur Vereinfachung und leichteren Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt, aber die weibliche Form ist durchweg mitgemeint.

Dieser Beitrag ist gekürzt. Das vollständige Essay ist in dem Buch König Kunde: Kurzgeschichten für Konsumenten zu lesen.