Zum Gemeinwohl!

Fotos-Sven-Hartberger-Copyright-lukasbeck.jpg© Klangforum Wien, Lukas Beck

HAPPINESS MACHINE. DREI STUNDEN GLÜCK MIT DEM KLANGFORUM WIEN

Zweiundzwanzig Frauen animieren ein Gespräch über die Zukunft der Welt

 

Aufführungen 2019

8. Februar 2019 | Uraufführung | Stuttgart, Eclat-Festival, Theaterhaus

4. März 2019 | Wien, Konzertzyklus AugenSchein, Wiener Konzerthaus

4. Mai 2019 | Hamburg, Internationales Musikfest, Elbphilharmonie

16. März 2019 | Uraufführung der Kinofassung | Tricky Women/Tricky Realities 2019, METRO

Kinokulturhaus, Wien

25.-26. Oktober 2019 | Happiness Machine. 24 Stunden Glück mit dem Klangforum Wien | Theater an der Wien, Semperdepot, Wiener Konzerthaus ...

Ein Beitrag von Sven Hartberger, Intendant des Klangforums Wien

Die Glücksmaschine produziert nicht nur einfach Glück. Das auch. Aber vor allen Dingen steckt sie voller Überraschungen, nicht zuletzt für ihre Konstrukteure. Wir bauen und schrauben weiter daran. Am 25. / 26. Oktober wird sie dann in Wien mit einer Mächtigkeit von 24 Stunden Dauer [1] ihre größte Ausdehnung im Jahr 2019 erreicht haben, die auch eine Woche später in Athen[2] nicht wesentlich übertroffen werden dürfte. Diese Vorhersage muss mit dem caveat versehen werden, dass die autopoietischen Kräfte einer solchen Maschine nicht unterschätzt werden dürfen. Das Ding entwickelt ein Eigenleben. Gut so. 

Von ihrer Genese her dürfte „Happiness Machine“ eine Frucht des Zorns sein. So genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren, aber vieles spricht dafür, dass die Entstehung dieses schönen Kunstprojekts durch einen Offenen Brief veranlasst wurde, mit dem 141 politische Aktivisten, die sich – mit durchaus unterschiedlichen Graden von Berechtigung – als "Ökonomen" bezeichnen, im April 2016 an die Unterrichtsministerin wandten. Das Begehren, das die Absender des Schreibens an eines der höchsten Organe der Republik richteten, war einigermaßen ungewöhnlich. Die Petenten wünschten nichts Geringeres als einen Akt der Zensur. Verlangt wurde, dass die Ministerin die Verbreitung eines Unterrichtsbehelfs unterdrücken solle, weil in demselben Christian Felber, Verfasser der international anerkannten Gemeinwohl-Ökonomie, vollkommen korrekt als Autor einer alternativen Wirtschaftstheorie vorgestellt wird. Die 141 Unterzeichner fordern, das Buch „nicht weiter für den Einsatz an österreichischen Schulen zuzulassen“. Ihr Ansinnen begründen sie mit der durch nichts belegten Behauptung, Felbers Theorie erfülle „nicht die üblichen Kriterien der Wissenschaftlichkeit". - Dazu ist sehr vieles und bestimmt mehr zu sagen, als an dieser Stelle gesagt werden kann und soll. Für die Erörterung der Frage, welchen Kriterien der Wissenschaftlichkeit die Einlassungen der beamteten Ökonomen selbst entsprechen, wird am 25./26. Oktober Raum sein.

An dieser Stelle mögen nur zwei Feststellungen genügen. Zum Ersten: Die Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber ist vom Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Union mit einer Stimmenmehrheit von knapp 90 % (!!) nicht nur als „ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell für den sozialen Zusammenhalt“ qualifiziert, sondern darüber hinaus ausdrücklich zur Integration "sowohl in den europäischen als auch die einzelstaatlichen Rechtsrahmen" der Mitgliedsstaaten der EU empfohlen worden. Der Nomenklatura der österreichischen Wirtschaftswissenschaft steht es natürlich frei, die Gemeinwohl-Ökonomie ungeachtet dieses beeindruckenden Votums zu kritisieren oder auch vollkommen abzulehnen. Die Verweigerung jeder inhaltlichen Auseinandersetzung, verbunden mit dem Ruf nach dem Zensor unter dem schulmeisterlichen Vorwand wissenschaftlicher Mangelhaftigkeit ist aber eine ebenso lächerliche wie anmaßende Ungehörigkeit. Zum zweiten: Es wirft ein einigermaßen bezeichnendes Licht auf die von einem Lehrenden an der WU Wien gelenkte Initiative, dass sich unter den 141 Möchtegernzensoren ganze neunzehn Frauen finden. – Den Herren fehlt augenscheinlich einfach die Phantasie, um sich funktionierende Wirtschaftsmodelle jenseits des von ihnen mit Not und Müh[3] erlernten vorstellen zu können. Die Lust und die Fähigkeit zum Fabulieren einer anderen oder gar einer besseren Ordnung als jener, die sie kennen, mangelt den Konservatoren des Überkommenen offenbar nicht nur in der Musik gänzlich.

* * *

An diesem Punkt kommen die Künste im allgemeinen, die darstellende Kunst im speziellen und hier wieder besonders: die Musik ins Spiel. Gerard Mortier, mit dem das Klangforum Wien über zwei Jahrzehnte hinweg und bis zu seinem Tod am 8. März 2014 eng verbunden gewesen ist, hat in seiner "Dramaturgie" und auch in einer Reihe von Aufsätzen aus seinen letzten Lebensjahren[4] mit Nachdruck auf die aus der Geschichte der Oper begründete Pflicht des europäischen Musiktheaters hingewiesen, dem Unterdrückten, dem Gemeinwohl und der Humanität eine Stimme zu leihen. Genau das unternimmt das Klangforum Wien mit seinem aktuellen Projekt. Dort, wo die beamteten Wirtschaftslehrer unserer Universitäten Anspruch auf ein exklusives oder doch zumindest privilegiertes Recht zur Teilnahme an der politischen Diskussion über die Formen und Regeln unseres Wirtschaftsleben erheben und die Verbreitung alternativer Modelle mit den Mitteln staatlicher Zensur zu unterdrücken suchen, hat die Kunst mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln diese Anmaßung darzustellen, dem Anderen eine Bühne zu bieten und das verweigerte Gespräch in Gang zu bringen.

Das Klangforum Wien überschreitet damit keineswegs seine Kompetenzen, es nimmt einfach seine Pflicht zu Teilnahme, Stellungnahme und Einmischung wahr. Das Ensemble befindet sich damit in allerbester Gesellschaft, nicht zuletzt jener des Schriftstellers Robert Menasse, dessen großer Europa-Roman "Die Hauptstadt" auf den Höhepunkt des grandiosen Referats seines heimlichen Helden, Professor Alois Erhart, hin konstruiert erscheint. Erhart konfrontiert darin die beflissenen Verteidiger der herrschenden Ordnung mit ihren historischen Vorbildern und stellt sich mutig dem süffisanten Lächeln, dem überheblichen Spott der herrschenden Lehre und der Denunziation seines Denkens als "unwissenschaftlich" entgegen:

Wenn Sie zur Zeit der griechischen Sklavenhaltergesellschaft gelebt hätten und man hätte Sie gefragt, ob Sie sich eine Welt ohne Sklaven vorstellen können – Sie hätten gesagt: Nein. Nie und nimmer. Sie hätten gesagt, die Sklavenhaltergesellschaft ist die Voraussetzung der Demokratie! Oder? Nein, nein Professor Matthews, warten Sie. Bitte. Sie stelle ich mir vor in Manchester, zur Zeit des Manchester-Kapitalismus. Wenn man Sie damals gefragt hätte, was man tun müsse, um den Standort Manchester zu sichern, Sie hätten gesagt: Auf keinen Fall darf man diesen Gewerkschaften nachgeben, die statt eines 14-Stunden-Tags einen 8-Stunden-Arbeitstag fordern, ein Verbot der Kinderarbeit und die sogar eine Alters- und Invalidenrente wollen, denn das würde die Attraktivität des Standorts total gefährden – und, Professor Matthews, was ist jetzt? Gibt es Manchester noch? Und ersparen Sie sich dieses überhebliche Grinsen, Herr Mosebach. Mit der Radikalität, mit der Sie heute deutsche Interessen verteidigen, wären Sie mit früherer Geburt als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen gelandet. Und das ist Ihnen nicht einmal klar. Aber zittern Sie nicht, lieber Mosebach, Menschen wie Sie werden immer begnadigt, denn das sieht doch jeder Gutachter: Sie meinen es nicht böse, Sie sind nur verblendet. Sie sind ein Mitläufer. Und das ist das Problem von Ihnen allen. Sie alle sind Mitläufer. Sie sind entrüstet, wenn Ihnen das heute einer sagt, aber Sie sind genau die, die morgen, wenn es eine Katastrophe und dann gar einen Prozess gibt, zu Ihrer Entschuldigung sagen werden, dass Sie doch nur Mitläufer gewesen sind, kleine Rädchen[5].

Ist es übertrieben zu sagen, dass die aktuelle Wirtschaftsordnung – die zu ihrem Fortbestand offenkundig ungezügeltes Wachstum, hemmungslosen Verbrauch begrenzter Ressourcen (one earth), Spekulationen auf den Preis von Grundnahrungsmitteln und die immer schneller zu Wirtschaftskriegen mutierenden Konkurrenzsituationen zwischen Unternehmen und Staaten braucht – katastrophale Entwicklungen zur Folge hat? Und ist es verfehlt anzunehmen, dass all jene Experten und Wissenschafter, die genau jene Ordnung mit ihrer geliehenen Autorität gestützt haben, jede Verantwortung für die Resultate ihres Wirkens von sich weisen werden? Und ist es nicht die Aufgabe der Kunst, auf diese Umstände beizeiten hinzuweisen? Und wenn das nicht die Aufgabe der Kunst ist, was dann?

trickfilme.jpg© Klangforum Wien, Auszug aus den Werken der zehn Trickfilm-Künstlerinnen

 

Was lag also näher, als der mit viriler Selbstsicherheit vorgetragenen Zensurforderung die vox femina als eine Stimme der Vernunft entgegenzusetzen und ihr Gehör zu verschaffen. Das Klangforum Wien hat sich mit der Leiterin des famosen Festivals Tricky Women/Tricky Realities[6], Waltraud Grausgruber, ins Einvernehmen gesetzt, gemeinsam wurden zehn Filmkünstlerinnen und zehn Komponistinnen für diese Unternehmung eingeladen und, von Uli Fussenegger musikdramaturgisch betreut, für die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Werk gewonnen. Die filmische und musikalische Auseinandersetzung mit den Grundsätzen der Gemeinwohl-Ökonomie war dabei durch keinerlei Vorgaben beschränkt. Den Künstlerinnen war vollkommene Freiheit eingeräumt, sich für konkrete oder abstrakte Annäherungen an das Thema zu entscheiden.

Neben der evidenten gesellschaftlichen und politischen Komponente hat das Projekt aber vor allem eine doppelte künstlerische Dimension. Zum einen war es dem Klangforum darum zu tun, den in den vergangenen Jahren sehr gängig gewordenen und überaus zahlreichen Neuvertonungen von um die hundert Jahre alten Stummfilmen eine ernsthafte musikalische Auseinandersetzung mit dem aktuellen zeitgenössischen Filmschaffen zur Seite zu stellen. Gegenüber dem Verfahren der nachgängigen Komposition von Partituren für ein fertiges Filmwerk sind Musiken und Filme für Happiness Machine in ständigem Austausch und in intensiver Zusammenarbeit der Künstlerinnen entstanden. Ein weiteres Thema war die bewusste Auseinandersetzung mit dem Genre Filmmusik überhaupt, mit den Bedingungen ihres Entstehens, aber besonders auch mit den Bedingungen ihrer Rezeption. Für die unmittelbare Wahrnehmung der unterschiedlichen Qualitäten zwischen live gespielter und als Soundtrack im Kino gehörter Musik freuen wir uns auf eine besondere Erfahrung im Verlauf der Großfassung unserer Glücksmaschine am 25./26. Oktober: Im Theater an der Wien werden die Filme in einer erneuerten und aktualisierten Theaterfassung mit der vom Klangforum live gespielten Musik zu erleben sein, die wir am folgenden Morgen in einem der schönsten Lichtspieltheater Europas, dem Gartenbaukino, als Kino-Surroundsound erleben können. Der akustische Perspektivenwechsel ist hier nicht der Not des Mangels eines Ensembles geschuldet, sondern ästhetisches Programm, das im Entstehungsprozess mitgedacht war.

Jacqueline Kornmüller hat die entstandenen Musikfilme in einen mit großer Sorgfalt sehr präzise gearbeiteten dramatischen Gesamtzusammenhang gestellt, Konstantia Gourzi hat als Dirigentin die Einstudierung der Partituren übernommen und die Einspielungen im Tonstudio geleitet. 

Zum Gemeinwohl ! Zweiundzwanzig Frauen animieren ein Gespräch über die Zukunft der Welt.

[1]Die Uraufführung von Happiness Machine - 24 Stunden Glück mit dem Klangforum Wien wird am Abend des 25. Oktober im Theater an der Wien mit einer Neufassung des cineastischen Musikdramas von Jacqueline Kornmüller beginnen, bevor wir für eine musikalische Traumnacht ins Semperdepot übersiedeln. Von dort geht es am Morgen des 26. Oktober ins Gartenbaukino, wo wir die Kinofassung der Filme unseres Gemeinwohl-Projekts mit den vom Klangforum eingespielten Kompositionen im Surroundsound erleben können. Ab 11:00 Uhr vormittags werden wir dann das Wiener Konzerthaus mit Philippiken, Diskursen, neuen Ideen, Spiel und mit viel Musik beleben, bevor wir unser musikalisches Gespräch über die Zukunft der Welt vierundzwanzig Stunden nach dem Beginn unserer Gedankenreise beenden werden. - Das gesamte Paket ist als Sonderkonzert Teil des Klangforum-Zyklus 2019/20 und kann zusammen mit dem Zyklus optional gebucht werden.

[2]In Athen wird Happiness Machine - 24 Stunden Glück mit dem Klangforum Wien am 1./2. November im Onassis Cultural Center gastieren. Unterschiedlich Fassungen des Projekts sind am 4. Mai in der Elbphilharmonie (ausverkauft), am 23./24. November in Huddersfield und am 1. Dezember in Luxembourg zu erleben.

[3]Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg, 2. Akt, 4. Szene: 

Den Junker Hochmut, laßt ihn laufen!

Mag er durch die Welt sich raufen;

was wir erlernt mit Not und Müh,

dabei laßt uns in Ruh verschnaufen:

hier renn er uns nichts übern Haufen . . .

[4]Gerard Mortier, Dramaturgie einer Leidenschaft, 2014 und Das Theater, das uns verändert, 2018; beide bei Bärenreiter/Metzler, Kassel.

[5]Robert Menasse, Die Hauptstadt, p. 390 f., Berlin, 2017

[6]Tricky Women/Tricky Realities, heuer von 13. - 17. März, Programminformationen www.trickywomen.at