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Glaubt es endlich! Ohne neues Wirtschaftsmodell versagen wir beim Klimaschutz

dry-4282884_1920-1024x576.jpgDie Wüstenbildung schreitet voran, so wird die Erde mehr und mehr aussehen, wenn wir nicht radikal umsteuern. (Foto: Pixabay)

Ja, viele Generationen vor uns haben immer wieder für sich den Weltuntergang proklamiert – weil sie ja was Besonderes seien, weil ihre Generation das schlimmste aller Schicksale erleide. Schon die antiken Philosophen haben apokalyptische Prophezeiungen formuliert. Natürlich in den meisten Fällen heillose Übertreibungen. Das habe ich aus meinem Geschichtsstudium mitgenommen.

Deswegen schätze ich den Kabarettisten Dieter Nuhr dafür, dass er diese Hysterien immer und immer wieder relativiert und die Leute aufn Teppich holt. Doch in Sachen Klimakatastrophe hat er nicht verstanden, wie verheerend die Lage schon ist. Das beweisen seine letzten Auftritte bei „Nuhr im Ersten“. Einige seiner Aussagen wurden im Nachhinein von einigen Medien unter anderem der Kabarettsendung Die Anstalt im ZDF des Öfteren widerlegt. Nun ist es anders als das befürchtete Waldsterben in den 80ern, lieber Herr Nuhr, als damals in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Angst vor einem flächendeckenden Waldverlust umgegangen ist. Nun stehen tatsächlich ganze Ökosysteme, ganze Arten vor dem Kollaps. Und längst sind Millionen Menschen Opfer des Klimawandels, den vor allem wir im Norden verschulden.

Ich schreibe bewusst Katastrophe, weil es eine ist; und weil es die Aufgabe des Journalismus ist, Dinge so zu benennen, wie sie nun mal sind. Klar ist es auch ein Wandel. Katastrophe trifft es jedoch von Schreckensmeldung zu Schreckensmeldung immer besser. Während ich diesen Kommentar schreibe, sehe ich zwei neue Meldungen: Die US-Regierung gibt in Alaska ein Naturschutzgebiet zur Ölförderung frei, weitere folgen wahrscheinlich. Und: Tausende Wissenschaftler warnen, dass das Pariser Klimaabkommen unzureichend sei und ohne ein grundregelndes Umsteuern „unsägliches menschliches Leid“ nicht mehr zu verhindern sei.

Das Ende der menschlichen Zivilisation?

Noch nicht genug? Der Weltklimarat rechnet bei einer Erderwärmung um zwei Grad mit 280 Millionen Klimaflüchtlingen, überhaupt treiben nach einer Greenpeace-Studie Naturkatastrophen mehr Menschen in die Flucht als Kriege. Der Zustand der Meere und Eisgebiete ist alarmierend, wir werden wohl verantwortlich sein für das sechste große Artensterben in der Erdgeschichte, Wüsten dehnen sich immer weiter aus, der Permafrostboden droht zu tauen und Milliarden Tonnen Klimagase freizusetzen – und die menschliche Zivilisation wächst und wächst und wächst und …

Im Sommer haben australische Wissenschaftler, die meinen, dass die Politik mit viel zu konservativen, also optimistischen Daten agiere, ein Worst-case-Szenario für 2050 bei einer Erderwärmung um drei Grad entworfen: 35 Prozent des Landes und 55 Prozent der globalen Bevölkerung sind über 20 Tage pro Jahr tödlicher Hitze ausgesetzt, vor allem aus den Subtropen müssen eine Milliarde Menschen fliehen – sage und schreibe ein Achtel der Menschheit Stand heute –, für ein Viertel wird das Trinkwasser knapp. Zusammen mit vielen anderen Faktoren könne ein größtenteils unbewohnbarer Planet zum Zusammenbruch von Staaten und internationaler Ordnung führen, so die Wissenschaftler. Puh! Herzlich Willkommen im postmodernen Chaos. Dieses Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen, inzwischen gehen immer mehr Klimaforscher von einer Erwärmung um zwei Grad bis 2050 aus. Selbst bei 1,5 Grad werden mindestens Naturkatastrophen und Hungersnöte zunehmen.  

Und verdammt noch mal, glaubt – nein: Wisst das endlich! Schließlich geht es hier um Wissenschaft, nicht um Glaube. Klar: Das sind immer noch Prognosen, die nicht so eintreten müssen. Doch diese Modelle entstammen keinem Wahnwitz irgendeiner verschwörerischer Forschergruppe, sie entstammen auch nicht der Fantasie von Ökothriller-Autoren wie Frank Schätzing („Der Schwarm“). Das sind keine Dystopien, keine Horrorszenarien, keine Drehbücher von Roland Emmerich. Es sind schlicht Berechnungen, die zeigen, wie horrormäßig unserer Realität wahrscheinlich wird. Und das kann man heute alles sehr genau mit allen möglichen Variablen berechnen. Zahlen lügen nicht. Viele Grüße an dieser Stelle an die Ignoranten der AfD, die mit Wissenschaft ja nicht so viel anfangen können.

Es muss jetzt wehtun!

Aber was machen wir? Wir diskutieren allen Ernstes darüber, ob wir Windkraftanlagen an unseren Stadträndern akzeptieren, ob sie die Landschaft verschandeln, uns in unserer ja ach so von Verzicht und Verboten geprägten Lebensrealität tangieren. Insbesondere auch in Osthessen. Auf die Gefahr hin mir hier Feinde zu machen: Geht’s noch?! Was für eine dekadente Luxusdebatte getränkt von Arroganz und Ignoranz. Nichts anderes ist das angesichts drohender neuer Unruhen, Krisen und Naturkatastrophen.

Wer ernsthaft versucht, sich nur mal für ein paar Sekunden in die Lage eines Landwirts in Zentralafrika hineinzuversetzen, dem seine Herde wegen Wassermangels wegstirbt und der von unseren Agrarkonzernen verdrängt wird; oder in die eines vietnamesischen Bauers, dessen gesamtes Hab und Gut ein Erdrutsch mitgenommen hat – der wird, sofern er nur einen Funken Empathie besitzt, verstehen, wie dekadent diese Debatte für diese Opfer der Klimakatastrophe erscheinen mag.  

Es muss jetzt wehtun! Das müssen endlich alle begreifen. Sonst wird es auch für uns Privilegierte auf der Nordhalbkugel richtig übel. Politiker wurden und werden nur niemals gewählt, wenn sie sagen: „Ihr müsst verzichten.“ Deswegen sagen sie uns nicht die Wahrheit, das ist offensichtlich und das Dilemma, in dem wir stecken.

Sie warten auf eine Zaubertechnologie, die nicht kommt

Also brauchen wir dringend eine neue Art des Wirtschaftens, die alle mitnimmt und Ressourcen wieder annährend gerecht und nachhaltig verteilt. Die Bertelsmann-Stiftung – nicht gerade bekannt für sozialdemokratische Ansätze – fragte 2010 und 2012, ob wir eine neue Wirtschaftsordnung brauchen: In Deutschland bejahten 88 Prozent, in Österreich 90 Prozent. Liebe Politiker, liebe Mainstream-Ökonomen, wir sind bereit. Ihr augenscheinlich nicht.

Das Wachstums-Diktat jedenfalls hat ausgedient. Ganz ehrlich: Politiker wie Christian Lindner und Angela Merkel öden mich mit ihrem fantasielosen und immer gleichen Gefasel von Wachstum, Wachstum, Wachstum nur noch an. Der Club of Rome, ein Zusammenschluss von Experten verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern, betonte bereits 1972, dass endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten unmöglich ist. Die Wochenzeitung „Der Freitag“ erklärte vor Kurzem, warum grünes Wachstum eine Illusion ist – weil Wachstum eben immer Ressourcenverbrauch bedeutet. Da können die Energien noch so grün sein – irgendwelche Rohstoffe werden immer ausgebeutet. Eigentlich logisch. Das trauen sich die Grünen natürlich nicht zu sagen. Ich denke, viele von ihnen wissen es besser. Doch Politiker, Manager, Lobbyisten und Ökonomen befinden sich in einem kapitalistischen Dornröschenschlaf und warten, bis eine Zaubertechnologie sie wachküsst, die alle Probleme löst. Sie wird nicht kommen. Selbst die ambitioniertesten Technik-Innovationen werden die Erderwärmung nicht in dem Maße stoppen, wie es von Nöten wäre, hat „Krautreporter“ im September aufgedröselt.

Ich vertraue lieber auf protestierende Jugendliche, die immer wieder den Finger in die Wunde legen, auf Umweltverbände, die wirksame Lobbyarbeit machen und auf innovative Ökonomen wie Christian Felber, der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie. Kürzlich hat er an der Hochschule Fulda referiert. Dieser Mann hat wirklich begriffen, worauf es ankommt, und er betont: „Es gibt viele Alternativen zum Kapitalismus.“ (Hier kannst du einen komplette Vortrag von ihm aus 2018 in Berlin anschauen.) Sein Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie wird bereits weltweit im Kleinen erfolgreich ausprobiert. Als Grundlage dient für Konzerne wie auch Kommunen hier eine Gemeinwohl-Bilanz, die statt des Profits Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung hervorhebt – alles mit validen Zahlen bilanzierbar. Und bevor hier jetzt jemand in Schnappatmung verfällt: Das hat nichts mit linker Politik oder gar Sozialismus zu tun. Sondern ganz einfach mit Gerechtigkeit. Gewinne und hohe Managergehälter bleiben nach wie vor möglich.

Die Gemeinwohl-Ökonomie sichert Frieden

Gleichwohl müssen die einschlägigen Maßnahmen angepackt werden: schneller Ausbau des ÖPNV, Kohleausstieg, in Bayern die Abstandsregelung für Windkraftanlagen vor Städten wieder abschaffen wie auch diese unsägliche Obergrenze für Sonnenenergie, die ins Netz eingespeist werden darf – überhaupt den Bau erneuerbarer Energien wieder massiv ankurbeln, der seit einigen Jahren nämlich wieder massiv abgenommen hat. Und natürlich: EU-Agrarsubvention nicht mehr nach Größe des Betriebs, sondern Nachhaltigkeit verteilen, Einführung einer CO2-Steuer sowie den Preis für das Klimagas im Zertifikate-Handel auf mindestens 50 Euro erhöhen, Plastik nach und nach ersetzen, Sojafutter, das auf gerodetem Regenwald wächst, für die europäische Fleischproduktion – ja, ich sage: verbieten. Wie auch geplante Obsoleszenz, also die künstliche Verkürzung der Lebensdauer von Produkten. Why not?! Asbest, FCKW oder die Glühbirne wurden schließlich auch irgendwann mal verboten. Diese Hysterie um Verbote kann ich nicht nachvollziehen.

Klar müssen wir selbst auch unser Verhalten ändern. Wenn aber die Politik weltweit hier den großen Rahmen nicht radikal anpasst, bleibt unser Beitrag nur der bekannte Tropfen auf dem heißen Stein. Ein starkes Zeichen wäre zum Beispiel, wenn die Vereinten Nationen eine Resolution der Generalversammlung für das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie abstimmen. Zwar nicht völkerrechtlich bindend, aber das würde vielleicht das nötige Tempo hervorbringen. Und es entspräche ihrem Auftrag der Friedenssicherung – denn: Im Kapitalismus steht im Zweifel wie der Name schon sagt das Kapital über Werten wie der Menschenwürde oder Naturschutz. Das wurde tausendfach bewiesen. In der Gemeinwohl-Ökonomie nicht. Das sichert Frieden.

Die Geschichte ist nicht auserzählt

Nach zwei Weltkriegen, dem Kalten Krieg, der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der Sowjetunion dachten wir, die Geschichte sei auserzählt. Nach dem Kapitalismus kommt nichts mehr. Doch wir begreifen nun: Es muss etwas anderes kommen. Sonst fliegt uns alles um die Ohren. Immer mehr Wissenschaftler, Journalisten, Philosophen trauen sich das zu sagen. In der hohen Politik höre ich das bisher nicht, allenfalls mal von Lokalpolitikern.

Die Menschheit jedenfalls wächst viel schneller, als dass wir mit unseren Klimapäckchen hinterherkommen. 2050 bevölkern knapp zehn Milliarden diesen Planeten. Man muss kein Mathematiker sein, um zu begreifen: So wird das System zusammenbrechen. Das sagt einem der gesunde Menschenverstand. Die Alternativen wie Gemeinwohl-Ökonomie sind da. So radikal die Klimakatastrophe, so radikal müssen diese nun umgesetzt werden. 

Dieser Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Autors, Daniel Beise, ein Beitrag des Fuldaer Magazins move36