Gemeinden

Oberer_Vinschgau_Mals_01.jpgDie Gemeinden Mals, Laas, Latsch und Schlanders (Vintschgau, Südtirol) haben sich zur weltweit ersten Gemeinwohl-Region zusammengeschlossen.

Gemeinden und Regionen in der Gemeinwohl-Ökonomie

Die Gemeinden sind die bürgernächste Ebene, auf der die Bedürfnisse und das Potential von Unternehmen, Organisationen, Vereinen, Schulen, Familien und Einzelpersonen konkret zusammenfließen. Gleichzeitig sind die Gemeinden eng mit den übergeordneten Gebietskörperschaften verflochten. Als Träger*innen der kommunalen Selbstverwaltung sind die Gemeinden per se dem Gemeinwohl verpflichtet. Sie müssen Belange von Mensch, Umwelt, Natur, Politik und Wirtschaft berücksichtigen. Dabei sind sie mit ihrer Verwaltung und ihren Eigenbetrieben einerseits selbst wirtschaftliche Akteur*innen. Andererseits wirken sie an der Ausgestaltung von Regeln und Gesetzen für das Gemeinwesen mit.
Im Rahmen eines Bilanzierungsprozesses der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) wird sowohl die „ethische Performance“ der eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten der Kommune analysiert und sichtbar gemacht, als auch die Nutzung von Handlungsspielräumen zur Schaffung gemeinwohlfördernder Rahmenbedingungen bewertet.

Wie wird eine Gemeinde zur Gemeinwohl-Gemeinde?

In der aktiven Auseinandersetzung einer Gemeinde mit der GWÖ werden zwei Stufen unterschieden:

Stufe 1: „Gemeinwohl-Gemeinde im Prozess“
Eine Gemeinde darf sich als „Gemeinwohl-Gemeinde im Prozess“ bezeichnen, wenn sie einen formalen Beschluss ihres Gemeinderats herbeigeführt hat, in welchem sie sich zu den Zielen der GWÖ bekennt und die Erstellung einer GWÖ-Bilanz mindestens für einen Teilbereich ihres Wirkungskreises anstrebt. Die Gemeinde sendet ihren Beschluss an den Akteur *innenkreis Gemeinden, der ihr nach Prüfung das entsprechende Logo „Gemeinwohl-Gemeinde im Prozess“ zur Verfügung stellt.

Stufe 2: „Zertifizierte Gemeinwohl-Gemeinde“
Eine Gemeinde darf sich als „Zertifizierte Gemeinwohl-Gemeinde“ bezeichnen und das entsprechende Logo verwenden, wenn sie eine extern auditierte GWÖ-Bilanz für ihre Gemeinde erstellt hat und Mitglied in einem Verein der Gemeinwohl-Ökonomie ist bzw. einem Verein der Gemeinwohl-Ökonomie eine Spende in Höhe des Mitgliedsbeitrags überwiesen hat.


Was kann die Gemeinde tun?

Im Rahmen der GWÖ können die Gemeinden drei – sich ergänzende – Rollen einnehmen. Zusammen ergeben sie das Gesamtbild einer vorbildlichen GWÖ-Gemeinde.

Grafik_final.PNGSchaubild: Die drei Rollen der Gemeinden in der GWÖ

1. Die Gemeinde als Förderin des Gemeinwohls
Auch ohne eigene GWÖ-Bilanzierung kann sich eine Gemeinde bzw. eine Region für die GWÖ einsetzen. Sie kann als Förderin, Fürsprecherin und Multiplikatorin der Ideen und Werkzeuge der GWÖ wirken.

Insbesondere im Rahmen ihrer Wirtschaftsförderung stehen der Gemeinde bzw. der Region zahlreiche Möglichkeiten zur Verankerung der GWÖ zur Verfügung. Neben allgemeinen Informationsveranstaltungen, speziell für Unternehmen, sind Branchentreffen denkbar, zu welchen die GWÖ-Gemeinde Vorreiter*innen aus der speziellen Branche einlädt. Unternehmen, die sich der GWÖ anschließen, können von der Gemeinde sichtbar gemacht werden. Beispielsweise in einer jährlichen Feier zur Ehrung der GWÖ-Unternehmen. Besondere Leistungen dieser GWÖ-Pioniere können als Good-Practice vorgestellt und zur Nachahmung empfohlen werden.

Die Gemeinde kann bei allen in ihrem Gebiet ansässigen Unternehmen, Vereinen, Initiativen, Schulen, Einzelpersonen und Familien für die Ideen und die Werkzeuge der GWÖ werben. Eine kontinuierliche GWÖ-Arbeit kann gefördert werden, indem sie die Gründung und die laufenden Aktivitäten einer GWÖ-Regionalgruppe unterstützt. Dies ist zum Beispiel durch die Bereitstellung von Tagungsräumen oder durch Pressearbeit und Informationsveranstaltungen möglich. Auch der Aufbau eines regionalen Expert*innen-Pools durch die Förderung der Teilnahme am Lernweg zur GWÖ-Berater*in ist denkbar. Die Gemeinde wird zum Zentrum der Gemeinwohl-Entwicklung.

2. Die Gemeinde als Vorbild
Die Gemeinde kann als Vorbild für Unternehmen, Vereine und sonstige Institutionen fungieren, indem sie sich zu den Werten der GWÖ bekennt und die eigene Verwaltung und/oder die wirtschaftlichen Betriebe im Gemeindebesitz bzw. mit Gemeindebeteiligung (z.B. Stadtwerke) nach der GWÖ bilanziert. Damit dokumentiert die Gemeinde, dass sie den Erfolg ihres Verwaltungshandelns nicht primär an finanziellen, sondern ebenso an sozialen und ökologischen Kennziffern misst. Sie übernimmt eine Vorreiterrolle für alle übrigen, vor allem privatwirtschaftlichen, Betriebe vor Ort.
Zur Erstellung einer GWÖ-Bilanz für die Gemeinde bzw. die Region wurde eine eigene Matrix inkl. Handbuch ausgearbeitet, welche sich derzeit in Überarbeitung befindet.
Berater*innen der GWÖ begleiten und beraten eine Gemeinde bei der Bilanzierung. Die Bilanz hat Gültigkeit, wenn das Testat eines externen Audits vorliegt und veröffentlicht ist.
In späterer Folge könnte das erzielte Ergebnis in der GWÖ-Bilanz Auswirkung z.B. auf die Förderung durch die übergeordneten Gebietskörperschaftsebenen, die Region, das Land bzw. den Kanton, den Bund und/oder die EU haben. Wenn sich eine Gemeinde viel für Mensch und Natur einsetzt, sollte sie auch entsprechende Erleichterungen gegenüber jenen Gemeinden genießen, die geringere Anstrengungen unternehmen. Dies könnte sich beispielsweise in einem höheren Fördersatz, einer besseren Stellung im Finanzausgleich oder durch Begünstigung in LEADER- bzw. anderen EU-Förder-Projekten niederschlagen.

3. Die Gemeinde als Hüterin der GWÖ
Schließlich können Gemeinden und Regionen die Rolle der Hüterin der GWÖ einnehmen. Als Teil des Staates setzt die Kommune rechtliche Rahmenbedingungen, mit welchen sie – vor allem durch ihre Satzungstätigkeit und das Vergaberecht – gemeinwohl-orientierte Standards festschreiben und für deren Einhaltung sorgen kann. So können beispielsweise  bei der öffentlichen Ausschreibung Nachhaltigkeitsberichte als Zuschlagskriterium Berücksichtigung finden. Potenzielle Bieter*innen mit einer GWÖ-Bilanz haben dann einen Vorteil gegenüber solchen Unternehmen, die zwar kostengünstig, aber mit geringeren sozialen und ökologischen Standards arbeiten. Perspektivisch ist eine Bevorzugung von Unternehmen in Abhängigkeit ihrer Punktzahl in der GWÖ-Bilanz denkbar.
Um den Umgang mit den GWÖ-Werten und mit den Bewertungsprinzipien der GWÖ-Bilanz auch im kleineren Maßstab zu realisieren, empfiehlt sich die Durchführung einer GWÖ-Prüfung für einzelne (Investitions-)Vorhaben in der Gemeinde, wie z.B. eine Infrastrukturmaßnahme oder eine Gewerbeansiedlung. Ein solcher „Gemeinwohl-Check“ bezieht in eine Investitionsentscheidung der Gemeinde GWÖ-Werte ein und schafft damit eine über die fiskalischen Aspekte hinausgehende, ganzheitliche Entscheidungsgrundlage. Auch bei der Vergabe von (Gewerbe-)Grundstücken durch die Gemeinde bzw. ihrer Wirtschaftsförderung kann ein gemeinwohl-orientierter Kriterienkatalog erstellt werden. Dieser sichert  als transparentes Bewertungsinstrument, dass das Unternehmen bzw. die Bürger*in mit dem stärksten Beitrag zum Gemeinwohl den Zuschlag erhält. Die gleiche Logik kann auf die Ausgestaltung kommunaler Satzungen übertragen werden, beispielsweise im Rahmen der Bauleitplanung.

Weitere Möglichkeiten zur Verankerung der GWÖ

Ein politisches Gemeinwesen kann nur effektiv funktionieren, wenn es Klarheit über seine Ziele und Ausrichtung hat. Das Bruttoninlandsprodukt als bislang gängiges Ziel der (Wirtschafts-)Politik hat aufgrund seiner Eindimensionalität und der Nichterfassung dessen, was ein gutes Leben für alle ausmacht, ausgedient. Alternativen wie der „Better Life Index“ der OECD, die Sustainable Development Goals (SDG) der UNO oder das „Bruttonationalglück“ im Zwergstaat Bhutan sind bereits entstanden.
Üblicherweise werden die Rahmenbedingungen in der Kommune von  Fachleuten in der Kommunalverwaltung ausgearbeitet und vom zuständigen politischen Gremium verabschiedet. Dies trifft besonders auf Satzungen und Vergabeprinzipien zu. Zur Einbindung der Bürger*innen als Souverän in die Definition dieser Rahmenbedingungen regt die GWÖ einen „Kommunalen Wirtschaftskonvent“ an. In einem partizipativen Prozess könnten die Bürger*innen der GWÖ-Gemeinde z.B. die 20 wichtigsten Bestandteile von „einem guten Leben für alle“ definieren und in einem messbaren Index abbilden. Der daraus entstehende „Kommunale Gemeinwohl-Index“ könnte als Kompass für die Ausrichtung der kommunalpolitischen Ziele und die Bewertung kommunaler Maßnahmen dienen. Eine Methodik für einen messbaren GWÖ-Index ist bereits in Entwicklung.

Zusammenschluss zu einer „Gemeinwohl-Region“

Innerhalb eines Landkreises, Bezirks oder Viertels können sich Gemeinden das Ziel setzen, sich zu einer „Gemeinwohl-Region“ zusammenzuschließen damit die GWÖ-Ziele, welche nicht lokal umgesetzt werden können, auf regionaler Ebene zu verwirklichen.
Eine GWÖ-Region kann – zusammen mit GWÖ-Gemeinden – das jeweilige Bundesland auffordern, zu einem „Gemeinwohl-Land“ zu werden.

Wo gibt es schon Gemeinwohl-Gemeinden?

Aus der Pionierphase von 2013 stammen erste GWÖ-Berichte von Kommunen. Die Gemeinden Laas, Latsch, Mals und Schlanders aus dem Vinschgau/Südtirol haben 2013 den ersten Schritt in Richtung GWÖ-Gemeinde gemacht.
In Deutschland gab es den ersten politischen Beschluss zur GWÖ in der Gemeinde Wielenbach (Bayern). Der Gemeinderatsbeschluss wurde einstimmig getroffen. Zudem haben Klixbüll (Schleswig-Holstein), Breklum (Schleswig-Holstein), Bordelum (Schleswig-Holstein) und in Italien die Gemeinde Calceranica den Bilanzierungsprozess 2017 bzw. 2018 begonnen.
Die beiden Gemeinden Nenzing und Mäder aus der Region Vorarlberg in Österreich und Kirchanschöring in Südbayern haben als erste eine GWÖ-Bilanz nach der neuen Matrix 1.2 erstellt. Alle drei Gemeinden  wurden  extern auditiert. Mit der Version 1.2 konnte die Passgenauigkeit und Aussagekraft der neuen Berichte wesentlich verbessert werden. Derzeit ist eine Matrix 2.0 in Arbeit.
GWÖ-Bilanz und Good-Practice Mäder
GWÖ-Bilanz und Good-Practice Nenzing
GWÖ-Bilanz Kirchanschöring

Mitgliedsbeitrag für Gemeinden

Der jährliche Mitgliedsbeitrag der Gemeinden honoriert die GWÖ-Bewegung für die Erstellung des Handbuchs und der Matrix und unterstützt die Weiterentwicklung.
Die Einwohnerzahl der Gemeinden zum Stand der letzten offiziellen Erhebung wird auf 100 gerundet und in der Tabelle interpoliert. Anstelle des Mitgliedsbeitrages kann eine Gemeinde eine Spende in gleicher Höhe entrichten.
Haben Sie Interesse?
Als Gemeinde Mitglied bei der GWÖ werden

Wenn Sie mehr über Gemeinwohl-Gemeinden erfahren möchten, wenden Sie sich bitte an den Akteur*innenkreis Gemeinden unter gemeinde@ecogood.org.