Ennepe-Ruhr-Wupper

Messe Fair Friends 2018

Dortmund, 06. September 2018
     
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Vom 06.09.2018 bis zum 09.09.2018 fand die Messe "Fair Friends" für nachhaltige Lebensstile in den Westfalenhallen in Dortmund statt. Diesmal, wie auch in den vergangenen Jahren, war wieder unsere Regionalgruppe vertreten, die gemeinsam mit dem Regionalfeld Dortmund und der Regionalgruppe aus Münster einen Stand betreute. Fast 70 Interessenten haben sich auf unsere Interessentenliste eingetragen und viele davon wollen aktiv mitmachen.

Gemeinwohlstand_Fair_Friends_2018.jpgRüdiger Blaschke und Claus Gößling auf dem Stand der Gemeinwohl-Ökonomie.

 

Mit über 6.000 interessierten Besuchern konnte die Marke aus dem Vorjahr um fast 15% übertroffen werden. Fast 220 Aussteller aus 17 Ländern waren vertreten. Als bevölkerungsreichstes und erstes Bundesland der Bundesrepublik Deutschland hat sich Nordrhein-Westfalen der Förderung der globalen Nachhaltigkeitsziele im Sinne der SDG's verpflichtet, der sogenannten "Sustainable Development Goals", auf die man sich auf dem UN-Gipfel in New York im September 2015 geeinigt hatte. So war z.B. auch die Fair Friends durchgehend anhand der SDG's organisiert, wie z.B. der Ziele

  • bezahlbare und saubere Energie
  • Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen
  • Geschlechtergleichheit
  • Gesundheit und Wohlergehen
  • hochwertige Bildung

Das Motto der Messe lautete "Nachhaltige Lebensstile", "Fairer Handel" und "gesellschaftliche Verantwortung". Die Messe richtete sich vornehmend an Entscheidungsträger und Beschaffer aus Kirchen und kleinen wie auch größeren Kommunen sowie mit Nachhaltigkeitszielen befasste CSR-Manager aus Unternehmen, NGO's, neugierige und wissbegierige Bürger, Konsumenten und Verbraucher als Entdecker oder Pioniere wie auch aufgeschlossene Schüler und Studenten, die in Zukunft das ernten werden, was wir heute säen. Angeboten wurden fair gehandelte Produkte und Dienstleistungen für den Fach- und Einzelhandel und den Endkonsumenten. Die Messe verstand sich auch als Lern- und Bildungsort sowie Kommunikationsplattform für nachhaltige Entwicklung und sollte als ideales Umfeld zur Kommunikation sozialer Projekte, Programme und Kampagnen dienen. Ein Highlight war ein Poetry Slam am Samstagabend, auf dem die erfolgreichsten deutschsprachigen "Poetry Slam"-Poeten in einem spektakulären Kampf der Worte um die Gunst des Publikums buhlten, alles rund ums Thema "Fairness" und "Nachhaltigkeit".

Insbesondere gab es fair hergestellte Textilien und Exponate wie Accessoires, Dekorationsartikel, Spielzeug oder Lifestyle-Produkte aus Bolivien, Guatemala, Indien oder Afrika zu bestaunen wie z.B. Kunsthandwerk mit Masken, Wandschmuck, Lampen oder kleinen Möbelstücken aus Ghana und Indien. Insbesondere war ein Stand der HLHCS ("Holy and Handicraft Cooperative Society") aus Palästina vertreten, mit Kunsthandwerk, hergestellt in Flüchtlingssiedlungen von 20 bis 60 Kunsthandwerker*innen, vornehmend Frauen. Auch "Upcyling"-Produkte aus Tansania wie Vasen, Vorratsbehälter, Hänge- und Stehlampen, gefertigt aus bereits genutzten Flaschen mit kreativen Verschlüssen wie Deckeln und Applikationen aus Kokosnussschalen oder Holz wurden dem interessierten Publikum feilgeboten.

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In Podiums-Diskussionen und in Vorträgen wurden verschiedene Themengebiete behandelt. So hat mittlerweile auch die Finanzbranche das Thema "Nachhaltigkeit" für sich entdeckt und beginnt neben den bisherigen Kriterien "Sicherheit", "Rendite", "Liquidität" und "Risiko" nun auch "Nachhaltigkeit" als Zielfunktion zu berücksichtigen, wobei dies vorwiegend Finanzprodukte aus erneuerbaren Energien, Wasserkraft und nachhaltigem Fischfang umfasst und weniger solche, die auf Rohstoffe, fossile Energien, Kinderarbeit, Rüstung oder Atom setzen. Dies gelingt in sogenannten Themen- oder Ethik-Fonds und wird angezeigt durch Siegel wie das FNG-Siegel oder das ECOreporter-Siegel für nachhaltige Geldanlage.

In einem weiteren Panel wurde klar herausgestellt, dass durch Einsatz von Photovoltaik-Anlagen, Anschaffung von Elektro-Mobilität oder der Errichtung von Passivhäusern bis zu Drei-Viertel an Energie eingespart werden kann, was sich als Kostenersparnis über die Jahre rechnet, selbst, wenn man erst nach zwanzig Jahren nur bei einer schwarzen Null landet, aber auf jeden Fall etwas Gutes für die Umwelt getan hat. Auch neue und kreative Fertigungstechniken tragen zur Energie-Effizienz und Ressourcen-Optimierung bei ganz nach dem Motto "Erhalt dessen, wovon wir leben". Anders als im globalen Finanz-Kasino, wo Manager von Halbjahres- oder Quartals-Berichten getrieben sind, setzt man hier auf langfristige Strategien Kosten einzusparen. Auch staatliche Zuschüsse sind möglich, so dass es für alle eine Win-Win-Situation darstellt, die sich schon in weniger als zehn Jahren bezahlt machen kann. Auch im Bereich Recruiting und Bewerbung werden potentielle Arbeitnehmer zunehmend anspruchsvoller und wollen lieber in Unternehmen arbeiten, die für gesellschaftliche Verantwortung, Nachhaltigkeit und Klimaschutz stehen. Auch das hergestellte Produkt sollte hochwertig sein. Der Suche nach Selbstverwirklichung, ganzheitlichen Ansätzen und Sinngebung im Rahmen der Ausübung einer Beschäftigung ist in Zukunft stärker Rechnung zu tragen. Dabei landen wohl Rüstungs- oder Pharma-Firmen mit zweifelhaften und unfairen Marketing-Strategien eher weiter hinten in der Gunst der Bewerber. Auch das Thema "Worklife-Balance" spielt eine wichtige Rolle kombiniert aus Themen wie Ressourcen-Management (Stichwörter geförderte E-Mobilität, alternative Beförderungstrategien oder arbeitsnahes Wohnen), Teamgeist und Bildung.

Mit Dortmund 2040+ wurden von Studenten der Universität Dortmund Konzepte entwickelt unter dem Stichwort "Interconnected Urbanism" für die Vision einer lebenswerten und sich selbst ernährenden Stadt mit nahen Freizeit- und Kulturangeboten sowie unter Berücksichtigung von Mobilitätsaspekten einer in Zukunft immer älter werdenden Gesellschaft. Radikal, nachhaltig und innovativ sind die Konzepte und Planungen, die einen Anstoß für Veränderungen und Umdenken des öffentlichen Raums, seiner Nutzung und Aufenthaltsqualität für die Raumplanung geben wollen durch modulare und flexible Gebäude sowie alternative Konzepte für Brachflächen.

In zwei Vorträgen wurde über Plastikmüll referiert und praktische und handfeste Tipps gegeben zur eigenen Plastik-Müllvermeidung. Gerade in den Weltmeeren breitet sich der schwimmende Plastikberg immer weiter aus. Diesmal sind aber nicht wir westliche Industrienationen am meisten daran schuld, sondern die Meeresanrainer und Inseln im asiatischen Raum, die über keine geordnete und funktionierende Müllentsorgung verfügen, und wo der Müll meist achtlos ins Meer geschmissen und auf diese Weise entsorgt wird. Andererseits belasten aber auch wir Westler die Weltmeere mit Mikroplastik aus Kosmetikartikeln und der Industrie oder Mikrofasern aus gewaschenen Textilien, die durch Kläranlagen nicht restlos herausgefiltert werden und über unsere Abwässer ins Meer gelangen. Erreichen kann man das z.B. durch Importstopp von Abfallstoffen durch China, mehr verpackungsfreie Läden oder ganz radikal durch "Plastikfrei" und "Zero Waste" als Lebensstrategie. Kommunen können mitwirken durch Stadtbecher für "Coffee to go", Mehrweggeschirr auf öffentlichen Veranstaltungen oder auch z.B. städtische Spülmobile. Auch das Trinken von reinem Leitungswasser kann jede Menge unnötiger Plastikflaschen vermeiden helfen, deren Mineralwasserqualität nicht besser ist und sogar in Verdacht stehen, Mikroplastik ins Trinkwasser abzugeben. Ziel muss ein geschlossener Kreislauf sein (Stichwort "cradle to cradle"), indem die Produkte möglichst wiederverwendbar gestaltet werden. Allerdings führt jeder Kreislauf zu "downgrading", also ist Sparsamkeit und Umsicht beim Einkauf unverzichtbar. Vor dem Kauf sollte man sich als Verbraucher also immer fragen "Brauche ich das Produkt wirklich?" und "kann es repariert oder aufgerüstet werden?" oder "kann man es auf Swap- oder Tausch-Partys einfach nur leihen?". Grundsätzlich sollte man so viel Müll wie möglich vermeiden, wenn es geht, Leitungswasser trinken, unnötige Müllprodukte wie "to go"-Becher, Kapselkaffeemaschinen und Einwegflaschen meiden, sowie Brotdosen, Gefrierboxen und wiederbefüllbare Trinkflaschen nutzen, wenn man unterwegs ist. Man sollte eher reparieren, als wegschmeißen und möglichst viel Müll dem Recycling zuführen. Haben sie sich schon überlegt, sich beim Hersteller oder Händler zu beschweren, wenn das Produkt übermäßig verpackt ist?

Kurios wurde es mit einem Vortrag von zwei studentischen Aktivisten Shia Su und Hanno, beide ein Paar, die von sich behaupteten, ihr Leben so strukturiert zu haben, dass sie lediglich einen Müll von 360 Gramm pro Jahr erzeugten, der bequem in ein Einmach-Glas passte. Während der "normale Durchschnitts-Bürger" mindestens 617 kg pro Person und Jahr an Müll produziert, schafften sie es mit einer "Zero Waste"-Strategie unter Nutzung von Umverpack-, Hof- oder Bio-Läden und kreativer Strategien zur Müllvermeidung durch Verzicht auf Lebensmittelverpackungen oder Einkauf auf Wochenmärkten ihren Müll auf ein Minimum zu reduzieren und dabei durchaus nicht auf Lebensqualität zu verzichten. Mittlerweile haben beide zum Thema ihres Projekts ein Buch verfasst mit interessanten Tipps zur Müllvermeidung ("Zero Waste: Weniger Müll ist das neue Grün").

(Autor: Olaf Kintzel)