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Vortrag Gemeinwohl-Ökonomie beim IWIPO

Recklinghausen, IWIPO, 21. Mai 2019
     
Felber_Bontrup_Iwipo.jpgChristian Felber, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie, und Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup, Mitglied des Präsidiums des IWIPO

Am 21.05.2019 trat Christian Felber im gemeinnützigen Institut für Wirtschaft, politische Bildung und gesellschaftliche Praxis auf und trug über die von ihm initiierte Gemeinwohl-Ökonomie vor. Danach erläuterte Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup als Mitglied des Präsidiums des IWIPO und Gastgeber die verwickelten Zusammenhänge auf dem Arbeitsmarkt, die zur Zeit den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährden. Im Anschluss daran und abschließend wurden Fragen der Zuhörerschaft beantwortet und es entstand eine rege Diskussion über die Thesen des Vortrages.

Wie man es von Christian Felber gewohnt ist, gelingt es ihm immer wieder die Zuhörer in seinen Bann zu schlagen. Er zeigte auf, dass nach einer aktuellen Befragung fast 80% der befragten Menschen das aktuelle Wirtschaftssystem ablehnen. Nach der Liberalisierung des Finanzmarktes in der Reagan- und Thatcher-Ära befinden wir uns in einer Form der Postdemokratie mit Hegemonie des Finanzkapitals. Dabei gibt es eine ganze Reihe an Alternativen zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem, unter anderem:

  • Soziale und solidarische Ökonomie
  • Postwachstumsökonomie / Circular / Blue Economy
  • Social Business
  • Commons(Gemeingüter-) Bewegung
  • Buen Vivir / National Happiness (Bhutan)
  • Ethical Banking / Fair Trade

und natürlich auch die Gemeinwohl-Ökonomie, kurz GWÖ. Während die meisten Ansätze bis auf das Praxisbeispiel in Bhutan mehr oder weniger Theorie sind, hat die Bewegung der GWÖ mittlerweile an die 12.000 Unterstützer und eine Vielzahl an Unternehmen, die die GWÖ unterstützen und voranbringen wollen. Dabei geht es um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Theorie, Demokratie und aktivem Tun, um die Wirtschaft wieder dahin zurückzubringen, wo sie hingehört, nämlich als Diener der menschlichen Gesellschaft zu fungieren, eingebettet in die weitere Ökosphäre, und nicht umgekehrt, wo das Kapital das Sagen hat und alle weiteren menschlichen Verhältnisse diktiert.

Christian Felber sieht sich als Universalgebildeter, der sich, anstatt einem festen Curriculum einer Universität zu folgen, die für ihn zu sehr vereinzelt und abgetrennt ist (ganz entgegen dem Verständnis von "Universum"= ganz, zusammen) und für ihn eher eine Perversität darstellt, verschiedenste Gebiete zu Eigen gemacht hatte und daher aus einem großen wissenschaftlichen Ideenpool schöpfen kann. Dies führte bei ihm zu einer starken Ablehnung der gängigen Form des Kapitalismus, wie auch jedes anderen -ismus, obwohl, wie er freimütig zugibt, er keinerlei tiefere Kenntnisse in den Wirtschaftswissenschaften besäße. Stattdessen bindet er die Wirtschaft wieder an ihre Anfänge zurück, wie sie bereits schon von Aristoteles beschrieben wurden, nämlich die Lehre von der Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft ("oikos"= Haushalt, auch Frau und Mutter und "nomos" = Zweck), also praktisch gesehen auch die Lehre vom Gemeinwohl, also dem Wohl aller Beteiligten. Geld ist dabei lediglich das Mittel, nicht der Zweck, denn sonst wären wir bei der Chrematistik, also der Kunst, Reichtum zu erlangen.

Ähnlich wie beim "Better Life Index", der Nachhaltigkeitsziele der Uno ("Sustainable Development Goals") und dem Bruttonationalglück in Bhutan, wird in der GWÖ die Lebensqualität anhand von 20 Themen gemessen, die Indikatoren für Frieden, Klimastabilität, ...,Zufriedenheit, Weisheit, Solidarität und sozialen Zusammenhang darstellen. Die Werte- und Zielbilanz der GWÖ soll so etwas wie eine ethische Schubumkehr bewirken. Kommunen sollen darauf hinwirken bei Ausschreibungen nicht den billigsten Anbieter auszuwählen, sondern denjenigen, der am ethischsten wirtschaftet. So gibt es mittlerweile Genossenschaftsbanken und Crowdfunding-Plattformen, bei denen Investitionen auch nach solchen strengen Maßstäben beurteilt werden. Während nämlich der Fair-Player nur wenig Optionen hat, hat der Foul-Player in der Wirtschaft viel mehr Optionen, und das kann nicht gerecht sein. Zudem plädiert Felber für eine fundierte soziale Ausbildung der heranwachsenden Generation mit bis zu vier Freijahren, allerdings ohne Zwang, in der man verschiedenste ehrenamtliche oder humanitäre Ziele verfolgen kann. Das Ganze ist eine idealtypische Vorstellung, in der ein Netz interdependenter Beziehungen vorherrscht, anstatt einfach einem puren Kapitalismus als Ordnungsstruktur zu gehorchen, in der es eine Herrschaft Weniger und viele Abhängige gibt, die meist gezwungen sind, sich den allgemeinen, meist ungerechten und anti-sozialen Machtstrukturen unterzuordnen.

Daran anknüpfend lief Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup zu Höchstform auf. Mit einem kritischen Blick auf die momentanen Herrschafts- und Machtverhältnisse in der Wirtschaft teilte er schonungslos aus. Angefangen hat es eigentlich erst so richtig mit Adam Smith, der als Vater der modernen Wirtschaftstheorie gilt, aber eigentlich Moralphilosoph war und zu Unrecht von diesem Gebiet vereinnahmt wurde, dessen Thesen zur unsichtbaren Hand des Marktes aber allgemein bekannt sein sollten. Damit war aber noch keine Ideologie eines Turbo-Kapitalismus verbunden, denn Smith schwebten lokale und wechselseitige Beziehungen zu Gunsten aller Beteiligten vor, nicht das, was man momentan in der Welt beobachten kann mit grenzüberschreitenden Kapitalverkehr und globaler Konkurrenz zum Vorteil nur der Stärkeren.

Aus Sicht von Bontrup ist vor allem auch die Verteilungsfrage interessant, also, wie man den Kuchen aufteilt. Nach seiner Meinung sollte sie sich unter anderem auch nach der sogenannten Arbeitswerttheorie nach Karl Marx bemessen, also nach dem faktischen Aufkommen der Arbeitszeit. Nicht etwa nach den Grenzkosten, die sich auch danach bemessen, wie teuer man das Gut endgültig auf dem Markt anbieten kann. Es ist ja so, dass Arbeiter und Angestellte sich lediglich über ihr Einkommen finanzieren können, während Kapitaleigner den Mehrwert aus Zinsen, Pacht/Mieten und Gewinn einbehalten können. Dies führt zu einer Menge Abhängiger, also Menschen, die gezwungen sind ihre Arbeitskraft gegen Einkommen eintauschen zu müssen. Damit verfügen allerdings andere darüber (über ihr Eigentum) und das Ganze ist nicht nur eine Verteilungs-, sondern auch eine Machtfrage. Es gibt also einen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Es geht letztlich darum, wer über die Wertschöpfung bestimmen darf, die grundlegend allein durch menschliche Arbeit hervorgebracht wird.

Die Tatsache, abhängig zu sein, kann erpressbar machen und zu Ausbeutung führen. Als prominentes Beispiel führte Bontrup die sogenannten Zombi-Unternehmen an, die bereits 10-15% des Marktes in Deutschland beherrschen, und in denen Arbeitnehmer prekären Verhältnissen ausgesetzt sind, wie z.B. der Pizza-Bote, der Abends die Pizza ausfährt. Karikierend fügte Bontrup hinzu, dass der prekär Beschäftigte sich so einen gewissen Luxus erlauben kann, indem er sich für seinen Fernsehabend Pizza und Bier von einem anderen prekär Beschäftigten bringen lässt und zusätzlich in vielen Discountern erschwingliche Preise vorfindet, die ihn im Glauben lassen, er könne sich doch alles leisten.

Die klassische Ökonomie war halt anders gedacht. Die sogenannte Neoklassik ist wirklich eine Katastrophe für die Menschen. Außerdem verstünden die meisten Menschen nichts von Ökonomie, denn sonst würden sie die momentanen Zustände nicht gutheißen. Das Ganze wird nämlich auch dadurch pervertiert, dass der Markt nach ständiger Nachfrage verlangt, den Wert der Ökologie vernachlässigt, dabei die gesellschaftlichen und planetarischen Kosten nicht internalisiert und Menschen wie Gefangene in ständiger Ohnmacht hält. Letztlich besitzt die Umwelt sogar einen negativen Wert. Die Massen akzeptierten diesen Zustand.

Es kommt auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit an. Ohne Arbeit geht es nicht, ohne Kapital geht es nicht. Es stellt sich aber die wichtige Frage, wie der erwirtschaftete Reichtum gerecht verteilt werden kann! Gerade auch im Hinblick auf die starke soziale und finanzielle Ungleichheit in der Gesellschaft!