Ennepe-Ruhr-Wupper

Unternehmen stellen ihre Gemeinwohl-Bilanzen vor

Steinbildhauerei Vincent, 11. Oktober 2018
     
Unternehmen_1.jpg
v.l.n.r.: Timothy Vincent (Steinbildhauerei Vincent, Gastgeber und zertifiziertes GWÖ-Unternehmen), Rolf Weber (Koordinator von  GWÖ-ERW), Michael Neuhaus (Wirtschaftsförderungsagentur Ennepe-Ruhr), Nicole Heymer (Ingenieurbüro EHEYMER, aktuell im GWÖ-Prozess), Torben Putsch (Geschäftsführer Pet. Casp. Hch. Fischer, aktuell im GWÖ-Prozess), Leonie Schmitz (Geschäftsführerin Vollkornbäckerei & Bioladen Niemand, zertifiziertes GWÖ-Unternehmen), Beate Petersen (Bürger-Energie-Genossenschaft BEG-58, zertifiziertes GWÖ-Unternehmen), Teresa Bouecke (Diabetes- und Stoffwechselpraxis Dr. Schleyer und Dr. Wittek-Pakulo, aktuell im GWÖ-Prozess), Dirk Drögekamp (Geschäftsführer Integra e.V., aktuell im GWÖ-Prozess), Désirée Bucco (Vollkornbäckerei & Bioladen Niemand, zertifiziertes GWÖ-Unternehmen) (Foto: Olaf Kintzel)

„Das Gemeinwohl steht im Mittelpunkt“

Einige Unternehmen aus Wetter und Hagen stellten am 11.10.2018 Ihre Gemeinwohl(GW)-Bilanzen vor. Die Unternehmen verschiedener Branchen aus Wetter und Umgebung haben ihre Unternehmensziele um einen vertieften Blick auf die Wirkungen ihres unternehmerischen Handelns auf das Gemeinwohl erweitert. Für sie zählt nicht nur der wirtschaftliche Erfolg, sondern auch die Frage, ob die Ressourcen des Unternehmens unter sozial-ökologischen Aspekten bestmöglich eingesetzt sind. Die angebotenen Produkte und Dienstleistungen der Unternehmen wurden bzw. werden neben dem für alle verpflichtenden finanziellen Jahresabschluss auch unter nicht-finanziellen Aspekten einer ersten Bilanz unterzogen.

Die teilnehmenden Unternehmen aus der Region bildeten zwei Peer-Gruppen und starteten Anfang dieses Jahres mit ihren ersten Gemeinwohl-Bilanzen. Die (Zwischen-)Ergebnisse des Prozesses wurden nun in einem Pressegespräch vorgestellt. Eines der bilanzierenden Unternehmen ist die Steinbildhauerei Vincent, die dazu in ihre Werkstatt eingeladen hatte. Einen kleinen Imbiss hatte die Vollkornbäckerei Niemand aus Hagen vorbereitet. Auch dieses Unternehmen hat bereits eine erste Gemeinwohl-Bilanz erstellt.

In zwei Peer-Gruppen konnten alle Unternehmen feststellen: „Es hat sich gelohnt!“

Vor Ort fand dieses Engagement prominenten Zuspruch durch den Wetteraner Bürgermeister Frank Hasenberg und die Südwestfälische Industrie und Handelskammer:

„Mit nachhaltigem Handeln in allen Lebensbereichen arbeiten wir an der Zukunft unserer Gesellschaft. Die Gemeinwohlökonomie ist ein interessanter neuer Ansatz, dieses nachhaltige Prinzip zum Wohle der Unternehmen und der Bürgerinnen und Bürger auf die Wirtschaft zu übertragen. Ich freue mich daher sehr, dass sich in Wetter Firmen gefunden haben, die sich voller Überzeugung diesem Ansatz des nachhaltigen Wirtschaftens verpflichtet fühlen“, so Bürgermeister Frank Hasenberg, Stadt Wetter (Ruhr).

„Globale Verantwortung und nichtfinanzielle Werte wie Achtung der Menschenrechte, Umweltbelange oder soziale Gerechtigkeit haben nicht nur für Kunden bei ihrer Kaufentscheidung, sondern auch bei potentiellen Mitarbeitern in den Unternehmen eine immer größere Bedeutung. Die Beachtung von CSR-Regeln bietet insbesondere Klein- und Mittelständischen Unternehmen (KMU) eine Möglichkeit, sich in diesem Wettbewerb zu behaupten und sind eine Grundlage für die darüber hinausgehende Gemeinwohl-Ökonomie“, so Andreas Lux, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer (SIHK) zu Hagen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie Bewegung wurde vor siebeneinhalb Jahren in Österreich gegründet und hat sich inzwischen zu einem internationalen Netzwerk entwickelt. Die Aktiven eint, dass sie eine Ergänzung zum derzeitigen Wirtschaftsmodell suchen und mit der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) einen Lösungsansatz gefunden haben. Die GWÖ bietet die Möglichkeit neben der finanziellen Darstellung im Geschäftsbericht, auch die Nachhaltigkeits- und Gemeinwohl-Orientierung als wichtige Aspekte der Wirtschaftlichkeit aufzuzeigen.

„Wirkung des unternehmerischen Handelns sich bewusst, sichtbar, messbar und vergleichbar zu machen. Dazu dient die Gemeinwohl-Bilanz.“, so das Koordinator*innen-Team der GWÖ-Regionalgruppe Ennepe, Ruhr & Wupper (ERW).

An der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) und den Gemeinwohl-Bilanzen der Unternehmen interessiert zeigte sich auch eine Delegation aus Hastings, Großbritannien, die sich im Anschluss an die Pressekonferenz – gemeinsam mit dem Koordinator*innen-Team der GWÖ-ERW-Regionalgruppe Rolf Weber und Beate Petersen - auch einige nahegelegene BürgerEnergie-Solaranlagen anschaute.

(Autor: Beate Petersen/Rolf Weber)

Weitere Informationen bietet die Presse-Mitteilung vom 12.10.2018 in der Westfalenpost:

Wer die Formulierung "Geschäfte machen" genauer analysiert, landet immer wieder mal bei Turbo-Kapitalisten oder Heuschrecken-Firmen. Legitim ist, dass Unternehmen Geld verdienen wollen. "Dass muss aber nicht um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste erfolgen" meint die Initiative Gemeinwohl-Ökonomie. Die will aufzeigen, dass Verantwortliche über verschiedene Kriterien einen Betrieb auch nach menschlichen und ökologischen Aspekten führen können. "Die Gemeinwohl-Bilanz soll sich langfristig lohnen". Wie das funktioniert, veranschaulichte die Regionalgruppe Ennepe, Ruhr & Wupper in der Reme-Straße in Wetter (Ruhr) in der Steinbildhauerei Vincent um Inhaber Timothy Vincent. Auch sie hat eine Bilanz unter Gemeinwohl-Ökonomie-Aspekten erstellt. Also nicht nur einen Blick in die Kasse geworfen und Euro-Beträge addiert, sondern auch umweltverträgliche und soziale Faktoren bewertet. "Das ist mit Aufwand verbunden und kostet zunächst Geld, soll sich aber langfristig lohnen und durch das Testat Vorteile bringen", sagt Rolf Weber als Koordinator der hiesigen Initiative, die er mit seiner Stellvertreterin Beate Petersen weiter bekannt machen will. "Wichtig ist für die Unternehmen, dass sich sich auf den Weg machen und sich selbst Verbesserungspotentiale aufzeigen", so Petersen.

Zum Beispiel die Steinbildhauerei Vincent. Von 1000 möglichen Punkten kam der Betrieb auf 475. Und zwar nach einem Wertesystem, in dem es um die Themenfelder Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung geht. Zu untersuchen ist, inwieweit diese Faktoren über Lieferanten, Finanz-Partner, Mitarbeiter, Kunden und dem gesellschaftlichen Umfeld abzudecken sind. Vincent: "Die erste Bilanz ist eine Standortbestimmung und eine Art Fundament, auf das sich aufbauen lässt." Konkret: "In Sachen Menschenwürde wollen wir hier Mitarbeitern und auch Praktikanten auf Augenhöhe begegnen", erzählt Timothy Vincent. "Wir bezahlen kein Material aus menschenunwürdiger Produktion, sondern achten auf regionales Gestein und setzen auch schon mal auf Grabmal-Recycling, also wiederverwertbare Steine".

Den Ball nahm Beate Petersen auf und erläuterte, dass soziale Aspekte wie zum Beispiel der Umgang mit Arbeitnehmern oder das Ansehen der Lieferanten von Bedeutung seien. Ethische Finanzfragen seien ebenso wichtig. "Geht es nur um kurzfristigen Gewinn oder stecken dahinter langfristige Zukunftsaufgaben?", fragte sie mit Blick auf die hiesige Bürger-Energie-Genossenschaft BEG-58, die Solaranlagen ausbauen und somit transparent Investoren anlocken möchte.

Die Hagener Vollkornbäckerei & Bioladen Niemand, die u.a. am Kirchender Dorfweg in Herdecke einen Bioladen betreibt, hat bei der Gemeinwohl-Bilanz 417 Punkte erreicht und will in den nächsten zwei Jahren einiges verbessern. "Wir bemühen uns, bei regionalen Lieferanten einzukaufen. Dabei stoßen wir aber manchmal an Grenzen, zum Beispiel angesichts der benötigten Menge bei Dinkel", so Leonie Schmitz als geschäftsführende Inhaberin. Die Bäckerei setze auf eine sinnvolle Resteverwertung und biete daraus Hasen- oder Hühnerfutter für Kunden an. "Wir haben durch die Gemeinwohl-Initiative manches neu beleuchtet", sagt Schmitz und steht damit sinnbildlich für einen Prozess, in dem nicht alles nach sozialen und ökologischen Werten schon perfekt laufe.

Während mit der Steinbildhauerei Vincent und der Bäckerei Niemand zwei Firmen ihre Gemeinwohl-Bilanzen erstellt haben, streben drei weitere Firmen und ein Verein ebenfalls den dazugehörigen "360-Grad-Blick" an, so Beate Petersen von der Regionalgruppe ERW bei ihrer Analyse des Vorgehens.

So zum Beispiel PCH Fischer aus Wetter. Das Traditionsunternehmen habe beim Blick auf die Werte der Gemeinwohl-Matrix festgestellt, dass es "da viele Schnittpunkte zu unserer Firmen-DNA gibt", sagt Torben Putsch von der Geschäftsführung. Er repariere lieber eine Bohrmaschine und kaufe nicht gleich ein neues Modell. Anfang 2019 will der Fachhandel seine Bilanz vorstellen, wobei die Berichte allesamt öffentlich im Internet zu lesen sind.

Teresa Bouecke als Gemeinwohl-Beauftragte der Diabetes- und Stoffwechselpraxis Dr. Schleyer und Dr. Wittek-Pakulo in Wetter räumt unumwunden ein, "dass wir in verschiedenen Kategorien Nachholbedarf haben".

Auch das Ingenieurbüro EHEYMER aus der Harkortstadt erstellt derzeit eine entsprechende Bilanz. "Aspekte wie Ressourcen zu schonen oder die Menschenwürde zu achten, damit können wir uns identifizieren", so Nicole Heymer.

Das bestätigt auch Dirk Drögekamp vom Verein Integra e.V.. Dieser soziale Dienstleister kümmert sich seit der Gründung vor 15 Jahren in Wetter um Menschen mit psychischen oder Sucht-Problemen. "Wir machen uns im Sinne des Gemeinwohls Gedanken, wie wir die Hausbesuche mit unseren Fahrzeugen ökologischer gestalten können", berichtet Dirk Drögekamp, der Integra-Geschäftsführer für Eingliederungshilfen. (Text: Herr Gerber, WP/WR)