Ennepe-Ruhr-Wupper

Endlich passiert was! Es gibt keinen Planeten B!

Wieviel_Nachhaltigkeit_lässt_die_Wirtschaft_zu.jpgAuszüge aus dem neuen Zeit-Campus-Artikel (Bild mit freundlicher Genehmigung von Westend61)

Mit #FridaysForFuture, initiiert durch die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, ist eine Welle an Empörung, Veränderungswillen und Mut zur Alternative in Bewegung geraten und in die Gesellschaft übergeschwappt. Seit nun schon mehreren Wochen wird an vielen deutschen und europäischen Schulen jeweils am Freitag die Schulpflicht bestreikt. Für den Klimaschutz. Die Aufruhr unter der Jugend ist beinahe allgegenwärtig und deutlich zu spüren als die nächste Generation, die in Zukunft die Entscheidungen treffen wird. Das reicht aber nicht. Auch die Politik mit Entscheidungsträgern von heute muss das Problem endlich anpacken. Verstanden haben sie es wohl, aber die Politik ist träge. Politiker wollen wiedergewählt werden und schauen dabei auch der Bevölkerung allzu gerne auf den Mund. Doch scheuen sie auch schwierige Entscheidungen, die am Ende Unmut in der Bevölkerung auslösen könnten. Es ist aber fraglich wieviel Kontinuität wir uns in einer Zeit des Wandels und der Veränderung überhaupt leisten können? Ohne eine tiefgreifende Veränderung unseres Systems wird uns als Menschheit schwierige Zeiten erwarten. Muss es so weit kommen? Vielleicht meinen wir, das Ganze sei unvermeidlich und wir könnten als Einzelne nichts gegen die Übermacht der Großkonzerne oder die momentane Politik tun? Doch, jeder kann bei sich im Kleinen anfangen, bei seinem Lebensstil, seiner Art, wie er wohnt, sich ernährt, sich kleidet oder reist. Keiner kehrt gerne vor der eigenen Haustür, aber wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann sollten wir bei uns selbst anfangen und eigene Opfer bringen. Jeder kann was tun. Es muss nicht gleich der kühne Schritt sein, eine Weltrevolution zu starten.

Es ist offensichtlich. Unser westlicher Lebensstil ist nicht nachhaltig. Wir sind wahre CO2-Schleudern. Jeder Mensch verursacht jährlich im Schnitt 12 Tonnen CO2. Um die Erderwärmung auf 2o-Grad zu begrenzen, darf jeder aber nur noch knapp 1 Tonne CO2 verbrauchen. Um regenerative Energieträger zu fördern, kann man z.B. den Energieversorger wechseln. Viele große Energieunternehmen produzieren mit einem Mix an erneuerbarer Energie, Kohle und Erdgas. Auf den Nachhaltigkeitsplattformen Utopia und Robin Wood  kann man Alternativen finden, die nicht nur billiger sind, sondern Ökostrom nachhaltig fördern. Wusstet ihr, dass jede Suche bei Google fast 0.2 Gramm CO2 in die Luft bläst? Nach einer Studie des Bundesamtes für Wirtschaft und Energie wird der Energieverbrauch für Server bis 2025 sogar noch einmal um knapp 60% steigen. Ein nachhaltiger E-Mail-Provider ist z.B. posteo.de von einem Berliner StartUp, das seine Server mit sauberer Energie betreibt und seine Finanztransaktionen ausschließlich über Umweltbanken abwickelt, und das ganz ohne jede Werbung zu schalten. Umweltbanken wie die GLS-Bank, die EthikBank oder UmweltBank fördern zudem ökologische und ethisch vertretbare Projekte mit ihren Erträgen (ohne große Boni für skrupellose Banker auszugeben). Zwar werden auch dort in der Regel Kontoführungsgebühren verlangt, aber z.B. bei der GLS-Bank ist man bis zum Alter von 28 Jahren davon befreit.

Wasser ist knapp. Viele Kleidungsstücke oder Lebensmittel brauchen viel Wasser in ihrer Produktionskette. Dieses sogenannte virtuelle Wasser ist dann ein Problem, wenn es in der Region ohnehin wenig verfügbares Wasser gibt. Auf Vdg.durstige-gueter.de/produktgalerie.html kann jeder nachsehen, wie viel Wasser für die Herstellung bestimmer Produkte gebraucht wird (siehe auch waterfoodprint.org). Wer CO2 beim Transport von Mehrwegflaschen oder der Erzeugung von Einwegerzeugnissen aus Plastik vermeiden will, kann versuchen größtenteils Leitungswasser zu nutzen, wie z.B. für den Kaffee, den Tee oder beim Kochen. Fleisch ist besonders umweltschädlich, da es in der Produktion über die Sonne, die Pflanzen, das Wasser und schließlich über das Tier selbst energietechnisch besonders ineffizient ist. Auch beim Tierschutz wird häufig gespart. Nicht jeder sollte aber gleich zum Veganer werden. Auch der Verzicht auf Fleisch ist nicht die ultimative Lösung. Solange die Produktion von Fleisch in ihrer gesamten Energiebilanz immer noch so billig ist, wird ohnehin weiter produziert und Fleisch in unseren Supermärkten stehen oder bei Discountern verramscht. Eine Gruppe internationaler Wissenschaftler hat in einer aktuellen Forschungsarbeit die "planetary health diet" erstellt mit einem Ernährungsplan, der einen todsicher in den planetarischen Grenzen hält (hoffentlich nicht wörtlich!). Fleisch darf auch sein, aber nicht mehr als durchschnittlich 43 Gramm pro Tag, was ungefähr eineinhalb Mettbrötchen sind. Wer meint, dass Vegan besser für die Umwelt sei, dem sei gesagt, dass Soja, Mais oder Palmöl auf riesigen Plantagen angebaut werden, für die in Indonesien oder Brasilien viel Regenwald zerstört wird. Zwar landen davon nur 1% auf unseren Tellern und werden zu Tofu- und Sojamilchprodukten verarbeitet, während der größere Rest als Tierfutter oder für die Herstellung von Bio-Treibstoffen genutzt wird, aber auch hier gibt es Alternativen. Pflanzliche Eiweiße stecken auch in Linsen, Bohnen oder Hafer. Das deutsche StartUp Luve verarbeitet beispielsweise die heimische Süßlupine zu Joghurt, Frischkäse, Milch und Eis (Rezepte ohne Soja gibt es auf ProVeg). Wer Palmöl vermeiden will, sollte einen Blick auf die Zutatenliste werfen. Allerdings verursacht die Produktion von alternativem Kokos-, Soja-, Sonnenblumen- oder Rapsöl noch mehr CO2, weil diese Pflanzen mehr Anbaufläche benötigen. Auch regionale Produkte müssen nicht gleich umweltfreundlich sein. So muss ein Apfel, der im Herbst geerntet, aber im Frühjahr angeboten wird, die ganze Zeit bis dahin kühl gehalten werden. Da kann sogar ein Apfel aus Neuseeland energietechnisch besser da stehen, trotz des Transports. Es ist aber auf jeden Fall sinnvoll, saisonale Lebensmittel zu verwenden. So wächst die Pastinake im Winter und Heidelbeeren wachsen von Juni bis September, auch wenn beide über das gesamte Jahr erhältlich sind. Muss es einmal außerhalb der heimischen Erntezeit sein, dann sollten es wenigsten Bio-zertifizierte Produkte sein. Informationen über Bio-Siegel erhält man übrigens über die App "Siegel-Check" vom Nabu. Einfach Logo abfotografieren und nachschauen. Wichtig bei der Entscheidung der Verbraucher ist auch die richtige Lagerung der Lebensmittel (siehe mehrwert.nrw/richtiglagern), damit nicht so viel weggeworfen werden muss. Restekochen einfach gemacht geht mit der App "Zu gut für die Tonne!". Mit der App "ResQ Club" oder "To Good To Go" kann man übrig gebliebenes Essen günstig bei Restaurants oder Bäckereien abholen.

Bei Kleidung muss es nicht immer so viel sein. Besser ist länger tragen, die Klamotten schonen, indem man sie nicht zu oft heiß wäscht oder schleudert. Kleiderspenden werden übrigens größtenteils entsorgt und verbessern nicht etwa die Energiebilanz. Besser ist mit wohindamit.org Projekte in der Gegend zu fördern. Konsum, nur um sich besser zu fühlen oder besser vor anderen dazustehen, ist für den Planeten eher schädlich. Wenn das nur einer macht, o.k. Statuswettbewerb tritt aber augenblicklich eine Lawine an Nachahmern los, die auch so toll dastehen wollen. Also mit Köpfchen kaufen und nicht mit dem Bauch! Besser den Ball flach halten. Blogs wie Justinekeptcalmundwentvegan.com geben Tipps zu Labeln wie Bio-Label oder nachhaltiger Produktion. Wer Nachhaltigkeit fördern will, sollte nicht gleich das erstbeste und billigste Stück kaufen bei der Kette von nebenan. SecondHand ist auch eine gute Alternative. Nach einer Studie von Greenpeace kaufen wir in Deutschland im Schnitt 60 Kleidungsstücke im Jahr, die wir nur halb so lange tragen wie vor 15 Jahren. Das meiste wie z.B. Schuhe wird gar nicht erst getragen oder verschwindet bei der nächsten Modewelle schon wieder im Kleider-Container.

Die Vermeidung von Plastikmüll ist besonders wichtig. Öl ist ein wichtiger Rohstoff, aber in Form von Plastik ist es gefährlich für die Umwelt und auch schwer zu entsorgen. Nach einer Rechnung vom Umweltbundesamt aus 2018 verbraucht jede Person in Deutschland im Schnitt mehr als 220 Kilo Verpackungsmüll. Es geht auch anders: Glas-, statt Plastikflaschen kaufen, lieber Mehrweg statt Einweg, Plastiktüten durch Stoffbeutel ersetzen. Letzteres verursacht zwar erst einmal mehr CO2, lohnt sich aber nach einer Untersuchung der Deutschen Umwelthilfe schon nach der zwanzigsten Nutzung. Die App "app.zerowastehome.com" findet verpackungsfreie Läden in deiner Nähe. Am besten möglichst Produkte kaufen ohne viel Plastikmüll. Obst und Gemüse kann man z.B. in Bio- oder Gemüseläden kaufen, oder auch auf dem Wochenmarkt. Chemische Putzmittel sind auch schädlich. Putzmittel oder auch Kosmetik kann man nämlich mit etwas mehr Aufwand auch selbst herstellen, garantiert ohne Nebenwirkungen (siehe KrautKulturKramps.de mit Seminaren für hilfreiche Tipps!).  Es gibt Waschbeutel, die Fasern aus Synthetik-Materialien auffangen, bevor sie beim Waschgang in die Umwelt gelangen. Bücher wie "Glücklich leben ohne Müll" von Bea Johnson, "Wie wir Plastik vermeiden" von Will McCallum, "Alles Verwenden. Nichts verschwenden" von Antonia Kögl und Benedikt Steinle oder "Zero Waste: Weniger Müll ist das neue Grün" von Shia Su können wertvolle Tipps geben (Suche im Internet erlaubt! Kaufen besser im stationären Buchhandel, der mit 40% Preismarge sinnvoll die Innenstadt belebt! Ausprobieren!). Gerade was Kosmetik angeht, gelangt viel Kunststoff in die Umwelt. Laut Umweltbundesamt werden in Deutschland rund 500 Tonnen Kunststoff in Pflegeprodukten verarbeitet, meist als Schleifmittel in Peelings oder Zahnpasta oder Mikropartikel, die in Shampoos, Cremes oder Duschgels Verwendung finden. Durch den Abfluss gelangt das Mikroplastik schließlich ins Meer und postwendend wieder auf unserem Teller. Guten Appetit! Zertifizierte Naturkosmetik wird über die Siegel "BDIH-Standard", "Nature" oder "Natural Cosmetic Standard (NCS)" ausgewiesen. Also ruhig einmal beim nächsten Einkauf auf die Verpackung schauen.

Auch was den Einkauf angeht, stellt sich die Frage: Online oder in die Stadt? Da bringen Verbrauchsstudien wenig. Ich persönlich mag es die Innenstadt zu besuchen, weil das Angebot dort riesig ist und man alles gleich anprobieren kann, Schnäppchen findet und nicht etwa online wieder alles zurückschicken muss, wenn's nicht passt, was den Großteil des CO2 verbraucht. Außerdem bleibt die Innenstadt und der Einzelhandel am Leben! Wer CO2 beim Transport sparen will, der fährt halt eben mit dem ÖPNV. Auch bei Elektronik muss es nicht immer das neueste Produkt sein. Deutsche nutzen nach dem Umweltbundesamt ihr Smartphone meist nur 2.5 Jahre. Wichtig dabei ist, die Produkte nach dem Gebrauch, wenn sie nicht mehr reparierbar sind, zum lokalen Wertstoffhof zu bringen oder bei Elektrohändlern oder im Baumarkt in die Recycling-Tonne zu geben. Siegel wie der "Blaue Engel" oder das "Europäische Umweltzeichen" zeigen an, dass ein Produkt langlebig, leicht zu reparieren und gut zu recyclen ist. Großgeräte sollten mindestens die Energieeffizienzklasse A besitzen. Bei Handys sollten die Akkus leicht austauschbar sein. Am besten sind gebrauchte und für den Weitergebrauch entsprechend aufbereitete Geräte ("refurbished").

In unserer globalen Gesellschaft ist Mobilität sehr wichtig. Sei es im Beruf, in der Freizeit oder beim Reisen. Laut der Initiative Germanwatch ist ein Flug nach Teneriffa so schädlich wie ein Jahr mit dem Auto zu fahren. Um die Umwelt zu schonen, sollten wir also so wenig wie möglich fliegen. In Europa sind die meisten Ziele mit Bus und Bahn beinahe ebenso gut erreichbar. Einfachheit und Komfort dürfen kein Argument sein. Wer trotzdem fliegt oder fliegen muss, kann nachher CO2-Kompensation betreiben. Anbieter wie atmosfair, Klima-Kollekte oder Primaklima fördern mit dem Geld regionale Projekte für den Ausbau von Solarenergie oder nachhaltigen Öfen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ein Freibrief für die Verursachung von zu viel Treibhausgasen ist das aber nicht. Kompensation sollte immer nur die zweitbeste Lösung sein. Nach Atmosfair sind nur 2300 kg CO2 pro Person und Jahr klimaverträglich. Wer gerne verreist, kann auch auf Öko-Tourismus setzen oder auf bewusste Einfachheit wie in Jugendherbergen oder beim Zelten auf Camping-Plätzen. Man findet Öko-Camping-Plätze oder klimafreundliche Hostels auf ecocamping.de, bookitgreen.com, eco-ferien.de oder viabono.de. Frank  Herrmann hat über dieses Thema das Buch "FAIRreisen" geschrieben. Es gibt Eco-Hostels, die ihren Strom mit Solaranlagen auf dem Dach gewinnen oder in ihren Restaurants nur regionale oder saisonale Lebensmittel verwenden. So wird Müll und CO2 gespart. Wer sich erholen will, sollte anstatt fern zu reisen mit unausweichlichem Massentourismus eher in der Nähe bleiben. Europa ist gut mit Bus und Bahn erkundbar. Wandern in der Schweiz und den Alpen ist besser als Langstreckenfliegen, auch wenn es vielleicht etwas mehr kostet. Der Preis allein darf nicht entscheidend sein. Wer sparen möchte, wenig CO2 verbrauchen will, muss bei sich selbst anfangen und bereit sein Opfer zu bringen. Damit es nicht bei Demonstrationen bleibt, sondern auch gehandelt wird!

Wer aktiv etwas bewegen will, sollte nicht beim eigenen Geldbeutel sparen, sondern muss die systemischen Zusammenhänge erkennen von Ausbeutung, Kinderarbeit, Armut und Umweltzerstörung, die in einer globalisierten Welt mit billigen Preisen verbunden sind. Viel zu oft wird das alles von Großkonzernen vertuscht. Vieles ist oft unwiderstehlich günstig. In einer globalen Welt mit wenigen Gewinnern und vielen Verlierern entfaltet der Preis aber nicht mehr eine sinnvolle Lenkungswirkung. Wer aktiv etwas ändern will, sollte sich aktiv engagieren und in der Gesellschaft einbringen, sei es ehrenamtlich, in Vereinen, aktiv oder passiv in Parteien oder Organisationen, damit die eigene Stimme auch wirklich Gehör findet. Wem das zu viel ist oder wer beruflich stark eingebunden ist (womöglich in Unternehmen, die Natur oder Menschen ausbeuten!), sollte mindestens fleißig spenden und so Steuern sparen, wie z.B. für die Gemeinwohl-Ökonomie, egal wie viel, wenn es auch nur 10 € sind. Das bringt die Welt weiter! Gemeinsam etwas bewirken! Jetzt handeln! (für mehr Informationen über dieses interessante Thema siehe das aktuelle Zeit-Campus oder auch online unter zeit.de/die-antwort).

(Autor: Olaf Kintzel)