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Wirtschaft ohne Wachstum?

System_Error_Film.jpgTim Jackson, der eine Wirtschaft ohne Wachstum propagiert, war auch Interviewpartner im Film "System Error" von Florian Opitz

Ist eine Postwachstumsökonomie möglich?

Wir leben in einer Welt, in der es vielen Menschen noch nie so gut ging wie heute. Aber auch in einer Welt, in der große Ungleichheit herrscht und mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung in Armut lebt. Hinzu kommt, dass wir mit unserem modernen Lebensstil unseren Planeten langsam gegen die Wand fahren. Wir müssen erkennen, dass es in Zukunft immer mehr Mühen bedeuten wird, den augenblicklichen Ressourcenreichtum aufrechtzuerhalten. Das Klima gerät langsam außer Kontrolle. Arten sterben aus. Lebensräume für Mensch und Tier werden zerstört oder verschwinden einfach. Wir müssen erkennen, dass jeder von uns zu den Problemen in der Welt maßgeblich beiträgt oder - positiv gewendet - einen Unterschied machen kann.

Der Status Quo!

Das Narrativ der Wirtschaft und der willfährigen Politik ist, dass wir durch unseren Konsum die Wirtschaft am Laufen halten (sollen), damit der Kreislauf von ewig neuem Konsum aufrechterhalten werden kann. Die Wirtschaftswissenschaft erklärt uns, dass es die privaten Haushalte sind, die mit ihren Ersparnissen und ihrem Konsum dafür sorgen, dass Unternehmen Investitionen durchführen können, um neue Güter und Dienstleistungen zu produzieren und auf dem Markt anbieten zu können, um den Haushalten ihrerseits Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten und ihr Einkommen zu sichern. Sinken die Investitionen oder ebbt die Nachfrage ab, so gibt es im Endeffekt weniger Arbeitsplätze. Um die Menschen in Lohn und Brot zu halten, muss das Rad also ständig am Laufen gehalten werden. Die Konsumspirale, die so charakteristisch für unsere moderne Zivilisation ist, muss sich also unerbittlich weiter drehen. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem ist zudem inhärent instabil. Sind die Voraussetzungen nicht erfüllt, geht es schnell in eine Abwärtsspirale mit Rezession und galoppierender Arbeitslosigkeit. Um nicht in Chaos oder Elend zu versinken, muss das Wachstum also immer weiter gehen. Doch ist mehr Konsum eigentlich besser? Geht es nicht eher um Qualität als Quantität? Und wo bleibt der Staat in dem System? Hat er die Zügel längst aus seiner Hand gegeben und ist nur ein willfähriger Wegbegleiter des Kapitals geworden?

Das Wirtschaftswachstum ist augenblicklich am Limit. Bei manchen Ressourcen nähern wir uns dem "Peak Stuff", d.h. dem Fördermaximum. Der Energieerntefaktor (EROI = "Energy Return on Energy Invested") fällt. Es wird praktisch also immer schwerer und unrentabler, die Produktivität und Abschöpfung der Rohstoffe in diesem Tempo beizubehalten. Die Umweltbelastung steigt und die Ressourcenbasis schwindet zusehends. Wir befinden uns also wirtschaftlich auf einem absteigenden Ast. Hier müssten Stimmen in unserer Gesellschaft laut werden und sich fragen, wie wir mit dieser Situation umgehen sollten. Ist eine Wirtschaft ohne Wachstum überhaupt möglich?

Tatsächlich bringt uns das Narrativ des letzten Jahrhunderts nicht weiter. Immer mehr Wachstum würde bedeuten, dass die globale Wirtschaftsleistung im Jahr 2100 30mal so groß sein müsste wie heute und 326mal so groß wie im Jahr 1950, und das bei endlicher Ressourcenbasis und fragiler Ökologie. Eine absurde Vorstellung. Kein Subsystem eines endlichen Systems kann unendlich lang wachsen! Zudem stehen wir vor großen globalen Aufgaben. Um das 1.5o-Grad-Ziel zu erreichen, muss der Ausstoß von Kohlendioxid reduziert werden. Gegen Mitte des Jahrhunderts sollte die Kohlenstoffintensität null sein und bis zum Ende des Jahrhunderts sogar negativ, d.h. wir sollten aktiv Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen. Dabei spielen auch Rückkopplungseffekte eine Rolle. Bei positiver Rückkopplung ist es umso schwieriger zu reagieren und entsprechend gegenzusteuern, wenn Knappheit bereits da ist. Und Knappheit ist in einigen Fällen schon sichtbar.

Statt dass die Politik schnellstens handelt, konnte festgestellt werden, dass entgegen dem Abkommen von Kyoto das Niveau der jährlichen Treibhausgasemissionen im Zeitraum von 1990 bis 2012 faktisch sogar um fast 60% gestiegen ist. Statt einer Steigerung der Emissionen um 2% jährlich, wie beobachtet, sollte die globale Reduktion aber durchschnittlich mindestens -8.6%/Jahr groß sein, um das 1.5o-Grad-Ziel halten zu können. Gleichzeitig nimmt die Weltbevölkerung zu. Das ist ein Widerspruch. Tatsächlich hängt die Abnahme der Kohlenstoffintensität mit den Faktoren Einkommen (Wohlstandsniveau), der Größe der Bevölkerung und den vorhandenen technologischen Möglichkeiten zusammen. Absolute Entkopplung vom Materialverbrauch ist nur möglich, wenn die Kohlenstoffintensität schneller abnimmt, als die Bevölkerung oder das durchschnittliche Einkommen insgesamt zunehmen. Selbst wenn wir es schaffen könnten, in den entwickelten Ländern eine absolute Entkopplung zu erreichen, würde diese Leistung durch den Anstieg der Weltbevölkerung und dem Bestreben nach einem auskömmlichen Wohlstandsniveau für die Menschen in den bisher unterentwickelten Ländern faktisch nur marginale Auswirkungen haben. Wohlgemerkt: Damit die Schwellen- und Entwicklungsländer das gleiche Wohlstandsniveau erreichen können wie die reichen Länder, müsste die Wirtschaft dort um mindestens 7.6%/Jahr wachsen, in den momentan ärmeren Ländern sogar um eine Rate von 12%/Jahr und das bei notwendigerweise sinkendem Ressourcendurchsatz innerhalb der planetarischen Grenzen. Das ist absurd. Konventionelles Wachstum allein kann das Problem der Armut also nicht lösen!

Der ewig währende Konsum, seine Ursachen und Folgen!

Wie Untersuchungen zeigten, ist die Grenzrate des Nutzens abnehmend, d.h. jede zusätzliche erwirtschaftete Geldeinheit stiftet immer weniger Nutzen. Der Nutzen steigt zunächst mit steigendem Einkommen steil an. Die Grenzrate des Nutzens geht aber weiter zurück, wenn die Einkommen steigen, und der Nutzen nähert sich allmählich einem Plateau, und zwar unabhängig davon, wie weit die Einkommen steigen. Praktisch gesehen würde es der Menschheit also insgesamt mehr bringen, wenn ein Teil des Reichtums der Industrieländer umverteilt würde, um mit diesen Mitteln die besonders armen, bevölkerungsreichsten Länder zu fördern, dort die Bildungsmöglichkeiten und die medizinische Versorgung zu verbessern, um so schließlich ein Sinken der Geburtenrate zu ermöglichen. Die Probleme der Welt lassen sich nur global lösen!

Es ist also tatsächlich so, dass wir uns an unseren momentanen Zustand gewöhnen (Habituation). Ein Mehr an materiellen Gütern bedeutet nicht unbedingt ein mehr an Glück und Lebenszufriedenheit. Anstatt eine Fülle an Gütern und Dienstleistungen anzubieten und den Konsum immer weiter anzuheizen (Fülle), sollten eher die Verwirklichkeitschancen erhöht werden. Fülle wird in der Regel durch das BIP gemessen. Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) ist die Summe aller Warentransfers in einer Volkswirtschaft. Aber misst es den tatsächlichen Nutzen? Ist es ein Grad für das allgemeine Wohlbefinden? Mitnichten. Schon besser ist der GPI ("Genuine Progress Indicator"), der viel weniger wächst als das BIP und zwischenzeitlich sogar abnahm. Wirtschaftliches Wachstum ist also in der Tat eher unwirtschaftliches Wachstum. Was tatsächlich zählt im Leben ist Teilhabe an der Gesellschaft und dies auch über erbrachte Arbeit und Leistung. Geachtet und respektiert zu werden, einen Freundeskreis und eine Familie zu haben und ausreichende Bildungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können. Und eigene Freiheiten in Anspruch nehmen zu können, aber immer in den Grenzen der Freiheiten der Andersdenkenden und der planetarischen Grenzen sowie der Regenerationsfähigkeit des Ökosystems. Freiheit bedeutet also - keineswegs - die Freiheit unbegrenzt konsumieren zu können bei gleichzeitig steigender Weltbevölkerung und begrenzten Ressourcen.

Woher kommt der Drang nach immer Neuem, immer mehr, unsere Unersättlichkeit? Tatsächlich ist er uns menschlich ein wenig eingeschrieben. Es gibt die beiden Pole des Neuen, Verändernden und die Tradition, das Bewahren. Gegenwärtig hat sich die Gesellschaft darauf verständigt, dass es das ständig Neue, Bessere sein muss, das wir unbedingt haben müssen. Über Konsum und materiellen Güter laden wir gleichsam unser Leben mit gesellschaftlicher und psychologischer Bedeutung auf. Über Konsum wollen wir unseren Status nach außen ausdrücken. Man kann schon von einer Symbolsprache der materiellen Güter sprechen. Der ständige Drang nach Neuem auf Kosten von Tradition und der sich manifestierende Individualismus in unserer Gesellschaft anstatt wertschätzender Eingebundenheit in der Gemeinschaft schafft aber ein Zerrbild der Menschheit. Der herrschende Materialismus spielt im Moment die Rolle eines Religionsersatzes. Materielle Dinge geben uns Trost, können uns die Angst vor einem möglichen Tod und einer drohenden Sinnleere nehmen. Weite Bereiche des sozialen Lebens drücken sich nur noch über Materielles aus. Die Triebkraft dahinter ist oft Gier oder gefühlte Missachtung auf Grund von möglichen psychologischen Komplexen, die man zu kompensieren sucht. Schon Kinder werden zu einer Shopping-Generation erzogen; süchtig nach Marken, Stars und Status. Was not tut ist eine Befreiung von der Logik des Konsumismus. Insgesamt erkennen wir eine Schieflage einer Konsumkultur, die umwelfreundliches Verhalten bestraft und ein einfaches Leben erschwert. Es ist die freiwillige Einfachheit, weg vom ewigen Konsumismus, hin zu Nachhaltigkeit, Ethik, das Vermeiden überflüssiger Ablenkungen. Äußerlich einfach, aber innerlich reich. Doch wie geht das zusammen mit dem Funktionieren der Wirtschaft?

Konkurrenz vs. Kooperation?

Der Drang, sich gegen andere abzuheben, andere Mitbewerber um begrenzte Ressourcen, gleich welcher Art, auszustechen, soll scheinbar ein Erbe unserer Entwicklungsgeschichte sein. So war in der Steinzeit die Nahrung knapp und auch Möglichkeiten für sexuelle Abenteuer eher spärlich. Bot sich damals eine passende Gelegenheit, war unser Ego derart gestrickt diese baldmöglichst wahrzunehmen, wenn möglich, auch, indem potentielle Mitstreiter aus dem Weg geschafft wurden. Folglich, so schloss schon Charles Darwin, ist uns der Kampf ums Dasein gleichsam in unsere Gene eingeschrieben. In einer Zeit des allgegenwärtigen Überflusses und der Überreizung gleich welcher Art, ist uns dieses Überbleibsel aus Zeiten der Not zu einem dunklen Erbe geworden. Bevorzugt es doch eher kurzsichtige und kurzfristige Ziele nach schneller Bedürfnisbefriedigung, ohne uns auf das Erreichen langfristiger Ziele zu konditionieren, geschweige denn die damit verbundenen Probleme im Trubel der auf uns einströmenden Informationen überhaupt wahrzunehmen. Und wenn, dann sind die Probleme immer woanders und weit weg. Gerade die Wirtschaftswissenschaft hat sich der Beschreibung dieses Phänomens angenommen und mit dem "homo oeconomicus" ein Bild eines Wirtschaftsakteurs geschaffen, der ohne Rücksicht auf andere stets nur seinen eigenen Vorteil im Blick hat: Den Nutzenmaximierer schlechthin.

Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Auch wenn uns die Biologie weismachen will, wir seien nur triebgesteuerte oder raffiniert handelnde Vertreter unserer Gene, um sie möglichst weit zu streuen, und dass uns daher individueller Egoismus und das Durchsetzen des Stärkeren zum Vorteil gereicht, ist dies nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich sind wir als Menschen auch soziale Wesen. Evolution schließt also weder Moral noch soziale und altruistische Verhaltensweisen aus. Egoismus mag sinnvoll sein für kurzfristige Handlungen und erfolgreich beim Kampf oder während der Flucht, aber Altruismus, d.h. das Bestreben sich selbst für ein höheres Ziel, die Familie, die Gruppe oder das Volk zu opfern, spielt mindestens eine ebenso große Rolle und war bedeutend für unsere Evolution als soziales Wesen. Wir sind hin- und hergerissen zwischen Selbstsucht und Selbstlosigkeit. Dieses Spannungsverhältnis ist auch von Bedeutung für den vorherrschenden Konsumismus. Individualismus und das Streben nach Neuem hat eine wichtige Funktion bei der Anpassung an neue ungewohnte Umweltbedingungen, doch ebenso auch Selbstlosigkeit und das Streben nach Tradition und Bewahrung. Der Kerngedanke des Kapitalismus mit seinem Leitbild des ungezügelten freien Marktes spricht allerdings nur die eine Seite unseres evolutionären Erbes an, die, die auf schnelle, leicht schwindende Bedürfnisbefriedigung, Statuswettbewerb, Konkurrenz und Wettbewerbsdenken ausgerichtet ist. Damit fördert die moderne Wirtschaft, die einen Großteil der zwischenmenschlichen Interaktionen in unserer Gesellschaft bestimmt, eher die negativen Seiten unserer Natur. Will man effektiv etwas ändern, muss man also auch darangehen, das Wirtschaftsmodell zu reformieren oder zu modernisieren und an die momentanen Gegebenheiten anzupassen.

Das gegenwärtige System steigert stetig die Arbeitsproduktivität!

Die real funktionierende Wirtschaft hat ein Problem. Sie misst jedem Gut einen bestimmten Wert bei. Da die Wirtschaftsakteure im Wettbewerb untereinander stehen, versuchen sie gezwungenermaßen sich gegenseitig zu übervorteilen, und müssen sich notgedrungen gegen Mitbewerber durchsetzen. Dies gelingt nur, indem sie in Übereinkunft mit der herrschenden Moral in unserer Gesellschaft möglichst effektiv und effizient agieren. Rohstoffe oder Produktionsfaktoren, die zu teuer sind, werden gegen billigere und leichter verfügbare Produktionsfaktoren substituiert. Das Problem in den modernen westlichen Gesellschaften ist, dass es oft der Faktor Arbeit ist, der durch Kapital und Maschinen substituiert wird. Da der Faktor Arbeit mit Gebühren, Sozialabgaben und steigenden Nominallöhnen belastet ist, ist er gegenüber alternativen Produktionsfaktoren oft im Nachteil. Wirtschaft sich selbst überlassen ist vorrangig bestrebt die Produktivität zu erhöhen und dabei insbesondere die Arbeitsproduktivität, was bedeutet, dass im gegenwärtigen Wirtschaftsmodell Arbeit als Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe für alle langfristig ausgedient hat. Modelle wie das unbedingte Grundeinkommen nehmen diese Lage durchaus ernst und preisen die Möglichkeit, selbstbestimmt zu entscheiden, eine Arbeit auszuüben oder den Wunsch nach mehr Freizeit umzusetzen, sogar als Segen für die Menschheit. Einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen ist aber mehr als das und sollte nicht einfach nur nach finanziellen Gesichtspunkten bewertet werden. Damit wird ein Problem offenbar: Das momentane Wirtschaftsmodell krankt. Und einen kranken Patienten schickt man gemeinhin zum Arzt.

Was kann man tun?

Fraglich ist, wie man die sozialen, wirtschaftlichen und planetarischen Gegebenheiten und Voraussetzungen so miteinander versöhnen kann, dass auch für zukünftige Generationen ein halbwegs gutes Leben ermöglicht wird. Und dies möglichst geschmeidig und ohne große Reibungsverluste, und schon gar nicht durch einen Akt von Revolution oder einer Veränderung der menschlichen Natur. Anarchie bei ohnehin umwälzenden Randbedingungen eines drohenden Klimawandels, von Massenarbeitslosigkeit, Migration und abnehmender Ressourcenbasis oder Verteilungskämpfe oder Kriege um die letztlich verbliebenen Nischen menschlichen Wohlergehens ist ungefähr das letzte, was wir im Moment brauchen. Tim Jackson  schlägt eine Lösung vor, mit der es gelänge sinkenden Materialverbrauch und steigenden Wohlstand auch ohne normatives Wachstum der Wirtschaft zu ermöglichen. Der Wirtschaftswissenschaftler der Universität von Surrey in Großbritannien, der mit seinem Buch "Wirtschaft ohne Wachstum" einen Bestseller schrieb, sieht besonders in unserer Gesellschaftsstruktur der modernen Zivilisation ein Problem. Um der Sucht nach Neuem oder dem ständigen Statuswettbewerb bei gleichzeitig gefühlter Sinnleere zu begegnen, ist es wichtig, mehr Gleichheit in unserer Gesellschaft zu erreichen, die Verwirklichkeitschancen für alle zu erhöhen und Arbeit als soziales Gut anzusehen.

Mehr Dienstleistung als Lösung!

Schon nach Aristoteles braucht es mehr als materielle Sicherheiten, um zu gedeihen und ein gutes Leben zu führen. Gestiegene Verwirklichkeitschancen bedeuten die Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden, Respekt und Achtung in der Gruppe zu erfahren, Zufriedenheit aus Lebenssinn und Würde zu spüren und einer sinnvollen Tätigkeit (Beschäftigung) nachzugehen. Gesundheit, Familie, Freundschaften, Freiheit, Autonomie, Erfüllung bei der Arbeit sind Grundelemente eines glücklichen und sinnvollen Lebens. Um die Teilnahme am Leben der Gesellschaft zu erlauben, ist es besonders die Arbeit, die eine vollkommen neue Bedeutung erlangen und aufgewertet werden muss. Weg vom zu teuren und leicht zu substituierenden Gut hin zu einem wertgeschätzten und wertvollen Element des menschlichen Lebens überhaupt. Und dabei gleichzeitig das Übel der Ungleichheit beseitigen. Letzteres gelänge, wenn wir erkennen würden, dass Konsumismus, mit dem wir uns von anderen absetzen wollen, dem Planeten mehr schadet als nutzt, und wir dadurch nur falschen Göttern und trügerischen Träumen hinterherjagen und spätestens am Sterbebett deren vollkommene Sinnlosigkeit anerkennen müssen. Um die planetarischen Grenzen der begrenzten Ressourcen zu achten, müssen wir zudem den Materialverbrauch drastisch reduzieren. Nach Tim Jackson gelänge uns das dadurch, dass Arbeit und deren intrinsischer Wert über die darüber investierte Zeit mehr in den Vordergrund gerückt würde. Gerade in der Pflege, im Handwerk und in der Kultur ist die Zeit als Inhalt aussschlaggebend. Es ist die Zeit, die dem Gut eines Handwerkers, eines Zimmermanns, eines Töpfers, eines Schneiders oder eines Steinmetz den Wert verleiht, ganz entgegen der Logik der Arbeitsproduktivität in der modernen Wirtschaft, die möglichst alles durch Maschinen ersetzen will. Keiner käme auf die Idee die Sonaten von Bach einfach mal etwas schneller zu spielen. Dienstleistungen wie z.B. in Pflegeberufen, aber auch in der Bildung, in Museen, Freizeitanlagen, dem Erhalt und der Pflege von Grünflächen, von Parks und Naturreservaten, Erholung, Instandhaltung und Wartung, Handwerk, Kultur basieren per se auf einem bestimmten Niveau von Materialdurchsatz. Um der Produktivitätsfalle zu entkommen, müssen wir die Arbeit mehr in Richtung beschäftigungsreicher Sektoren verlagern mit geringer Arbeitsproduktivität und niedrigem Produktivitätswachstum. Gerade bei Tätigkeiten, die materialarm und beschäftigungsreich sind, erleben wir oftmals ein stärkeres Gefühl von Wohlbefinden und Erfüllung. Dies böte überdies auch die Möglichkeit für Vollbeschäftigung.

Geht das überhaupt im Einklang mit Nullwachstum?

Das Problem in dienstleistungsbasierten Sektoren ist, dass durch die geringe Produktivität die Kosten relativ zu den produktiveren Sektoren zunehmen. Dadurch werden sie aus dem Markt gedrängt oder einem straffen Zeitlimit unterworfen. So sind in unserer Wegwerfgesellschaft Reparaturen ode Renovierungen einfach zu teuer. Es kommt hierbei also auch auf den Staat an, der als Anbieter solcher Dienstleistungen auftritt. Ist die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen preisunelastisch, d.h. sind sie trotz hoher Kosten von großer Bedeutung, dann macht der Sektor einen steigenden Anteil an den Ausgaben der Gesamtwirtschaft aus, wie es z.B. im Gesundheitsdienst oder der Bildung der Fall ist. Eine Gesellschaft, die ihren Dienstleistungssektor erhalten will, strebt langfristig also auf Nullwachstum zu. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat in seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" die These aufgestellt, dass bei fallendem Wachstum die Ungleichheit zunähme. Dieses von ihm benannte "Gesetz des Kapitalismus" führt nach seinem Modell dazu, dass der Anteil des Kapitals, das bekanntlich eher bei Reichen angesiedelt ist, gegenüber den Einkommen praktisch gegen unendlich laufen würde. Tim Jackson konnte mit Hilfe eines Modells jedoch zeigen, dass Nullwachstum durchaus mit einer gerechten Gesellschaft vereinbar ist, wenn die Substitutionselastizität zwischen Kapital und Arbeit gering ist, genau so, wie es gerade bei vielen dienstleistungsorientierten Unternehmen der Fall ist.

Brauchen wir immerwährendes Wachstum, um Schulden zu bedienen? Auch hier konnte Tim Jackson mit Hilfe eines Modells der Finanzströme darlegen, dass Zinsen auf Fremdkapital durchaus vereinbar mit einem resilienten, stationären oder quasi-stationären Zustand der Volkswirtschaft sein können. Werden in einer Simulation bestimmte Schockzustände aufgebracht, wie üblicherweise in bestimmten Krisen, so kehrt die Wirtschaft langsam wieder in ihren stabilen Zustand zurück. Ganz anders im gegenwärtigen Wirtschaftssystem, das inhärent instabil ist und nur funktioniert, wenn immer mehr konsumiert wird. Tim Jackson konnte also zeigen, dass es nicht die Fremdkapitalzinsen sind, die einen Wachstumsimperativ beinhalten.

Tim Jackson propagiert zudem, dass ein progressiver Staat, ganz anders als das liberale Modell eines Staates, der die Wirtschaft praktisch frei gewähren lässt, mit Regulierungen dafür zu sorgen hat, dass wir innerhalb der planetarischen Grenzen verbleiben. Er spricht sich für den Staat in der Rolle eines "Employer of last resort" aus, der auch in Krisenzeiten ein hohes Beschäftigungsniveau aufrechterhält. Auch das BIP als Indikator könnte eine Rolle spielen als Maß für wirtschaftliche Aktivität, aber nicht als Indikator für Wohlstand. Zudem plädiert er für ein Vollgeldsystem, bei dem der Staat selbst eine geldschöpfende Funktion innehat und nicht die Banken. Gegenwärtig leiht sich der Staat sein Geld bei den Banken gegen Zinsen. Im Vollgeldsystem schöpft der Staat Geld selbst und bezahlt damit wichtige Investitionen, die er tätigt, gerade in dem Maße, dass die Inflation in bestimmten Grenzen gehalten wird.

Ja, es geht!

Auf diese Weise gelingt es Tim Jackson Visionen für eine Welt ohne Wachstum aufzuzeigen, die auf geringerem Materialverbrauch, weniger Konsumismus und größerer gesellschaftlicher Gleichheit basiert. Arbeit nimmt dabei eine wichtige Stellung ein. Nicht nur als Mittel zum Unterhalt, sondern für gesellschaftliche Teilhabe. Eine bestimmte Materialintensität wäre allerdings auch weiterhin notwendig. Schließlich brauchen wir unsere Maschinen und notwendigen Güter, aber ohne den Planeten zu sehr zu belasten. Hier wäre es sinnvoll eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren, um Ressourcen zu schonen. Auch der Finanzsektor wäre weiterhin wichtig, aber mit sozialen und "grünen" Investments. Damit gelingt es Tim Jackson also, das Unmöglichkeitstheorem zu widerlegen, das in vielen Köpfen herumspukt, nämlich dass

  • Volkswirtschaften wachsen müssen, um zu überleben,
  • Menschen süchtig sind nach Konsum und
  • Regierungen machtlos sind und nicht intervenieren können.

Allerdings sind die notwendigen Veränderungen nicht vereinbar mit dem Kasinokapitalismus oder dem Konsumkapitalismus, wie es gegenwärtig der Fall ist. Letztlich landen wir irgendwo zwischen Kapitalismus und Sozialismus, in dem der Akkumulationsdruck des Kapitals nicht mehr so groß ist wie bisher. Für die Wirtschaft von morgen braucht es also neue Konzepte von Produktivität, Rentabilität, Vermögensbesitz und Kontrolle über die Verteilung von Überschüssen, was auch die Einführung von innovativen Beteiligungsmodellen bedeuten könnte. Praktisch braucht es noch viel Forschung über die damit verbundene Makroökonomie!