Ennepe-Ruhr-Wupper

GWÖ und Wirtschaftsfragestellungen kritisch beleuchtet!

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Kürzlich hat sich die Gruppe Uni50Plus interessierter und kritischer Geister jenseits der Fünfzig im Rahmen des VHS-Kurses Uni50+ in Hagen (Westfalen) unter Leitung von Dr. Fritz Peter Helms kritisch mit den Thesen von Christian Felber auseinandergesetzt. Die wichtigsten Thesen sind im Download auf der Webseite der Gruppe herunterladbar. Anfang dieses Jahres wurden auch zwei Mitglieder der Regionalgruppe Ennepe, Ruhr & Wupper eingeladen, um über die Gemeinwohl-Ökonomie und die Thesen von Christian Felber zu diskutieren. In diesem Rahmen wurde durch den Koordinator der Regionalgruppe Rolf Weber ein kurzer Abriss der GWÖ gegeben mit einem kleinen Beamer-Vortrag. Im Folgenden sollen die wichtigsten Punkte der kritischen Auseinandersetzung kurz auch von uns kritisch zurückreflektiert werden, speziell vom Verfasser Olaf Kintzel. Es muss dazu gesagt werden, dass die Thesen von Christian Felber nicht in Stein gemeißelt sind und ständig auch von Mitgliedern der Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie hinterfragt und ergänzt bzw. verbessert werden. Man kann die Inhalte der Publikationen von Christian Felber eher als Denkanstoß für mögliche Lösungen ansehen, die zu eigenem kritischen Denken und hoffentlich auch zu eigenem aktiven Tun einladen wollen.

 

Diskussion der Thesen der Gruppe Uni50plus

 

Die Gemeinwohl-Bilanz bewertet den Grad der Nachhaltigkeit, das Umweltbewusstsein und die real praktizierte soziale und ethische Verantwortlichkeit eines Unternehmens innerhalb seiner Wirtschaftskette vom Rohstoff bis hin zum Endprodukt und darüber hinaus bis zur Entsorgung des ge- oder verbrauchten Produkts. Umweltbewusst und sozial eingestellte Konsumenten werden gewillt sein bevorzugt bei Unternehmen mit einer hohen Gemeinwohl-Punktzahl zu kaufen. Dies kann zu einer Umsatzsteigerung bei diesen Unternehmen führen.

Ist die lineare Stückkostenfunktion operabel als Modell einer Unternehmung?

Durch Steigerung der Beschaffungsmengen sind höhere Rabatte möglich, die zu geringeren Rohstoffkosten und höheren Produktionsmengen führen, die geringere Stückkosten nach sich ziehen und damit einen Anreiz bieten, die Produktion auszuweiten.

These

Probleme verursachen die Unternehmen, die nicht so hohe Standards haben wie die umweltbewusst und nachhaltig produzierenden Unternehmen. Deren Stückkosten sind mithin geringer. Sie verdrängen daher die GWÖ-Unternehmen aus dem Markt.

Antithese

Der These zu Grunde liegt der Modellansatz der linearen Stückkosten, demzufolge der Gewinn umso mehr zunimmt, je höher die Produktion bzw. der Absatz ist. Eine systembezogene Sättigungsgrenze wird durch diesen Modellansatz nicht angenommen. Die lineare Stückkostenfunktion, die der Annahme zu Grunde liegt, ist aber ein zu einfaches Modell für die Produktion eines Unternehmens (siehe Anhang). Entscheidungsrelevant sind allein die Grenzkosten für eine zusätzliche marginale Einheit. Das Gewinnmaximum liegt dort, wo die Grenzkosten dem Marktpreis entsprechen. Dies führt sicherlich dazu, dass die Grenzkosten der günstiger operierenden Unternehmen niedriger sind als der Preis, bis sie selbst ihr Gewinnmaximum erreichen und in den Bereich höherer Grenzkosten kommen. Es wird sich mithin ein neues globales Gleichgewicht einstellen, in dem die GWÖ-Unternehmen weniger Gewinn machen, aber mitnichten vollends aus dem Markt gedrängt werden, denn das Gesetz der Grenzkosten wird für alle Unternehmen unerbittlich zuschlagen. Auch im Bereich höherer Grenzkosten fallen die relativen Stückkosten K/x auf Grund der Umlage des Fixkostenblocks Kfix auf die Stückkostenzahl x, bis auch sie ein Plateau erreichen und ab da an wieder zunehmen. Es kann also durchaus rational sein, im Bereich höherer Grenzkosten zu produzieren, wenn wir den Kostendegressionseffekt betrachten, bei dem die Fixkosten auf eine immer größere Produktionsmenge umgelegt werden. Bei steigender Produktion entfällt auf eine marginale Einheit jedoch ein immer geringer werdender Fixkostenanteil. Dieses sogenannte Gesetz der Massenproduktion gilt heute für den Großteil der Branchen aber nicht mehr uneingeschränkt. Dieser Effekt wirkt sich maximal solange positiv aus, bis auch die Stückkosten ansteigen bei ohnehin steigenden Grenzkosten.

Geschäftsmodelle verändern sich. Die klassischen Produktionsmethoden haben größtenteils ausgedient. Wir befinden uns in der digitalen Revolution. Es werden in Zukunft immer mehr Funktionen auf den Endkonsumenten ausgelagert werden können, wie z.B. Produktion am heimischen 3D-Drucker oder Einbindung des Konsumenten in Design und Planung durch Hochladen von Grafik-Dateien. Herrschaftswissen geht unweigerlich verloren. Dies führt dazu, dass die Grenzkosten für eine zusätzliche marginale Einheit gering sind. Produktion ist also möglich bei niedrigen Grenzkosten, und damit auch niedrigen Preisen. Ein Großteil der Wertschöpfung wird in Zukunft also auf der Verbraucherseite liegen, gerade wo Arbeitszeiten abnehmen und schöpferische und kreative Möglichkeiten in der Freizeit voll ausgeschöpft werden können. Derjenige, der ein Problem hat und es unbedingt lösen muss, löst es in der Regel effektiver, als derjenige, der dazu delegiert wird, die Probleme für andere zu lösen. Dies wird eine enorme Umwälzung in der Wirtschaft mit sich bringen. Die Ära der Dinosaurier unter den Großunternehmen ist in wenigen Jahren gezählt: Es wird ja gerade gegenwärtig versucht, verkrustete Unternehmensstrukturen durch Schaffung kleinerer, flexibler Wertschöpfungseinheiten zu verschlanken. Durch die Digitalisierung fällt der Overhead in der Verwaltung weg zu Gunsten kleinerer, flexibler Module, die günstigenfalls als Profit-Center geführt werden können, also finanziell unabhängig agieren können.

Durch die um sich greifende Digitalisierung befinden wir uns praktisch nicht mehr in der Modellwelt der Stückkostenfunktion. Das neue Zauberwort heißt "Skalierbarkeit", d.h. Erweiterung des Angebots zu geringen Grenzkosten für eine Vielzahl an Kunden, gerade bei Internet-basierten Angebotsmodellen. Auch in der klassischen Produktion geht der Trend längst hin zu vollautomatisierten Produktionsformen, bei denen der Mensch, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle spielt, d.h. lohnintensive Produktionsformen werden in voll-automatisierte kapitalintensive Produktionsformen umgewandelt, gerade in Ländern mit hohen Personalkosten. Dieser Trend hat bereits jetzt sein Maximum erreicht. Höhere Produktionsraten sind durch eine Verknüpfung mit digitalisierten Geschäftsmodellen zu erreichen, d.h. durch Anbindung an das Internet. Der Trend weist hin auf eine "Sharing Economy", d.h. Dinge und Güter werden nicht mehr angeschafft, sondern lediglich auf Tauschbörsen unter mehreren Personen getauscht oder geliehen. Dies kann zu einer weiteren Umwälzung in der Wirtschaft führen, deren Folgen aber noch nicht absehbar sind, weil das bisher gültige Wirtschaftsmodell dort praktisch seine Bedeutung verliert.

Bedeutet die Senkung des Gleichgewichtspreises ein höheres Gemeinwohl?

Der Preismechanismus in einer Marktwirtschaft mit dem Gleichgewicht A = N zwischen Angebot und Nachfrage soll angeblich zu einem größeren allgemeinen Wohlstand führen. Ist das Angebot A größer als die Nachfrage N, dann bedeutet das für die Anbieter, dass sie nicht alle angebotenen Güter verkaufen können. Um nicht auf ihren Produkten sitzen zu bleiben, werden sie in der Regel den Preis ihres Produkts senken, um die Nachfrage zu stimulieren, bis ein neues Gleichgewicht A = N erreicht ist. Ist - umgekehrt - das Angebot A kleiner als die Nachfrage N, dann bieten diejenigen Nachfrager, die das betreffende Gut am dringendsten benötigen, einen höheren Preis an, bis wiederum ein Gleichgewicht A = N folgt.

Christian Felber führt aus, dass bei dieser Form der freien Marktwirtschaft GWÖ-orientierte Unternehmen im Nachteil sind, da deren Grenzkosten höher liegen und sie zu den Verlierern gehören, weil der gesunkene Preis nicht mehr die Kosten deckt (Bereich x < xmin, siehe Anhang). Sie machen Verlust und müssen im schlimmsten Falle Konkurs anmelden.

These:

Unternehmen, die mit geringeren Kosten produzieren und auch geringere Sozialstandards haben oder auf Kosten der Natur operieren, gehören zu den Gewinnern, während GWÖ-Unternehmen zu den Verlierern gehören. Gesamtwirtschaftlich führt ein niedrigerer Preis jedoch dazu, dass Konsumenten weniger für das betreffende Gut bezahlen müssen. Dies führt zu einer höheren allgemeinen Bedürfnisbefriedigung, d.h. das Gemeinwohl wird erhöht. Zudem werden unwirtschaftliche Unternehmen, die nicht effizient sind, also mit zu hohen Kosten operieren, aus dem Markt gedrängt. Dies führt zu einem geringeren Ressourcen-Verbrauch, so dass insgesamt die Nachhaltigkeit der Produktion steigt. Der schonendere Umgang mit den natürlichen Ressouren ist in Hinsicht auf das Gemeinwohl ebenso eindeutig positiv zu bewerten. Die von Christian Felber propagierten Marktmechanismen erfüllen hingegen nicht die Voraussetzungen einer Marktwirtschaft.

Antithese:

Wir haben es bei einer GWÖ eigentlich mit einer erwarteten Änderung im Konsumentenverhalten zu tun. Die gestiegene Werteorientierung hin zu nachhaltigen, langlebigen und hochwertigen Produkten sowie die Bereitschaft für Produkte von GWÖ-zertifizierten Unternehmen mehr zu bezahlen, bewirkt eine Lageänderung der Nachfragefunktion nach oben:

 

verschobenes_Gleichgewicht_N_A.jpgNeues Gleichgewicht zwischen Angebot A und Nachfrage N bei verschobener Nachfragekurve

 

Dies kann zu einem höheren Gleichgewichtspreis führen. Mündige Konsumenten, die gewillt sind, für eine höhere Gemeinwohl-Punktzahl entsprechend tiefer in die Tasche zu greifen, können erreichen, dass GWÖ-Unternehmen weiterhin überleben können. Die Ansicht, dass ein geringerer Gleichgewichtspreis automatisch das Gemeinwohl steigert, ist irreführend. In der Tat kann sich der Konsument mehr andere Güter leisten, aber in der Regel werden dafür vielleicht eher qualitativ geringwertige Produkte auf den Markt gebracht. Ohne Regulierung ist es für den Anbieter nämlich rational seine Einsparungspotentiale durch Digitalisierung, Automatisierung und Outsourcing von Arbeit nicht voll an den Endkonsumenten weiterzugeben. Wir hören auch immer wieder von Berichten über illegale Preisabsprachen zwischen Herstellern innerhalb bestimmter Branchen, die eine unbehinderte Gleichgewichtsfindung verhindern. Es lässt sich feststellen, dass hier die Theorie der asymmetrischen Information am Werke ist, d.h. der Konsument ist nicht so gut informiert wie der Produzent und der Anbieter kann dabei seine wahren Kosten verschleiern. Auch was die Nutzung externer Effekte angeht, wie die Nutzung von öffentlichen Gütern wie Wasser, Luft und Natur, die praktisch nicht begrenzt werden können (Allmende, Commons), aber durchaus verschmutzt und zerstört werden können, verringert sich das Gemeinwohl für alle anderen Bürger, insbesondere dann, wenn deren Verbrauch nicht nachhaltig ist. Ziel der GWÖ ist es aber nun gerade, auch diese weichen externen Effekte mit in die Betrachtung zu holen, indem auf den mündigen Konsumenten gesetzt wird, der in der Lage und willens ist, die Gemeinwohl-Punktzahl eines Unternehmens mit in seine Kaufentscheidung und sein Kalkül einzubeziehen. Die Annahme, dass es nur den - einen - Gleichgewichtspreis gibt, ist eine grobe Vereinfachung. Es gibt nämlich die Möglichkeit der Preisdifferenzierung, nicht zuletzt durch suggestive Werbung und geringe Produktvariation, die direkte Produktvergleiche erschweren und schon geringe Verbesserungen am Markt belohnen, wenn Käufer unkritisch sind und immer das neueste Gerät haben wollen. Preisdifferenzierung für besonders "hochwertige" Konsumenten bedeutet im Prinzip, dass jedem Konsumenten nach seinen angenommenen Bedürfnissen und seiner vermuteten Zahlungsbereitschaft durch Beobachtung vergangener Transaktionen oder durch Bewertung von Wohnort, Interessensgebieten, Bedürfniswunsch oder sogar psychischer Eigenschaften (Impulsivität, Überlegtheit, Spontaneität, etc.) speziell zugeschnittene Preise angeboten werden können, was gerade durch den Trend hin zu "Big Data" in Zukunft leicht möglich wird. Es sind zwei gegenläufige Trends beobachtbar, die diesen Effekt begrenzen: Die immer bessere Informiertheit des Konsumenten über die Nutzung digitaler Medien; im Gegenzug die bewusste Falschinformierung durch Streuung von falschen Informationen durch manipulierte oder gekaufte Verbraucherberichte.

Das N-A-Modell setzt voraus, dass die Güter homogen sind. Dies ist aber bis auf Ausnahmen, wie bei sehr einfachen Gütern wie z.B. Milch, in der Praxis nicht gegeben. Die Güter sind, wenn auch gering, verschieden, so dass eine Preisdifferenzierung auf Angebotsseite leicht möglich ist. Man kann auch davon ausgehen, dass es den klassischen GWÖ-Konsumenten gibt. Durch den Ausweis einer Gemeinwohl-Punktzahl am Produkt wird die Verschleierung von Informationen erheblich eingeschränkt. Produkte, die hochwertiger und nachhaltiger produziert werden, werden dadurch konkurrenzfähig. Dies kommt der Gesellschaft als Ganzer zu Gute. Es ist anzunehmen, dass der Prozentanteil der GWÖ-Konsumenten steigen wird.

Die Annahme, dass das Bruttosozialprodukt GDP ("gross domestic product"), also das finanzwirtschaftliche Gemeinwohl, wie es im Allgemeinen bezeichnet wird, den Anteil der allgemeinen Wohlfahrt angibt, ist irreführend. Viel zu viele Faktoren bleiben dabei unberücksichtigt. So werden externe Effekte in andere Länder verlegt wie China, Bangladesch oder Indien, wo die Sozial- und Umweltstandards und allgemeinen Lohnkosten geringer sind. Da auch das allgemeine Preisniveau dort geringer ist, werden praktisch dabei Äpfel mit Birnen verglichen. Ein hohes Bruttosozialprodukt in entwickelten Ländern wird erkauft durch eine vergleichbare niedrigere Steigerung des Bruttosozialprodukts in unterentwickelten Länden, aber ein deutliches Mehr an Umweltverschmutzung und Ausbeutung von Mensch und Natur in diesen Ländern. Dabei könnten es sich gerade Konsumenten in entwickelten Ländern leisten, mehr auszugeben für Kleidung, Nahrung oder das tägliche Gut. Hingegen ist der relative Anteil für diese Anschaffungen rückläufig. Zwar profitieren auch die weniger entwickelten Ländern, aber der Verdienst fließt oft in die Taschen der wirtschaftlichen Eliten, während die einfachen Arbeitnehmer ausgebeutet werden. Während wir Bürger in den entwickelten Ländern uns hohe Sozial- und Arbeitsstandards leisten können und der Anteil der arbeitsintensiven Industrie immer weiter zurückgeht, verschließen wir die Augen vor der Not der geschundenen Arbeitnehmer in weniger entwickelten Ländern. Dies alles, weil wir nur nach dem Preis schauen, und das wahre Elend der Welt nicht wahrnehmen wollen. Allgemeiner Wohlstand. also die Tatsache, dass man sich mehr Güter leisten kann, ist zudem kein Indikator für gestiegenes Gemeinwohl. Gemeinwohl beinhaltet, wie der Präfix "Gemein" schon ausdrückt, dass mehr Indikatoren berücksichtigt werden sollten als nur finanzielle Werte.

Sind öffentliche Organisationen verlässlich im Hinblick auf die Belohnung von Gemeinwohl?

Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie ist es, diejenigen Anbieter zu belohnen, die einen höheren Gemeinwohl-Beitrag leisten, gemessen anhand der Gemeinwohl-Bilanz. Natürlich ist es rational, dass Unternehmen auf dem bestmöglichen Stand der Technik operieren, abgesehen von lokalen Einflussgrößen wie Standort, Wirtschaftsregion und Infrastruktur. Unternehmen wirtschaften wohl auf Augenhöhe und an ihrer Kapazitätsgrenze. So können im Prinzip nur noch dann Wettbewerbsvorteile generiert werden, wenn besonders schmutzig oder ausbeuterisch gegen Mensch und Natur produziert wird. Daher besteht hier im Besonderen die Gefahr, dass externe Effekte ausgenutzt werden, die praktisch nur schwer begrenzt werden können. Im Extremfall werden durch einfache Kapitalverschiebungen und Gütertransporte die Vorteile der Globalisierung ausgenützt. Gibt es aber einen sichtbaren Ausweis von Gemeinwohl am Produkt und sind alle Unternehmen den gleichen Regeln unterworfen, können besonders Gemeinwohl-freundliche Unternehmen belohnt und besonders Gemeinwohl-schädigende Unternehmen mit aggressivem Geschäftsgebahren bestraft werden. Der mündige Bürger wird an Hand der Gemeinwohl-Bilanz solche Anbieter auswählen können, die besonders nachhaltig und sozial wie moralisch einwandfrei arbeiten, was zu einer Steigerung der Lebensqualität und höherer gesellschaftlicher Teilhabe Vieler führt. Auch die öffentliche Seite kann reagieren. So werden Subventionen für strukturschwache Regionen bereits positiv in die Preisbildung mit eingerechnet. Dies ist jedoch wettbewerbsverzerrend. Stattdessen sollte die öffentliche Hand eher Unternehmen mit hoher Gemeinwohl-Punktzahl mit günstigeren Krediten, Bürgschaften, Steuererleichterungen, geringerer Einfuhrzölle oder auch spezieller Subventionen belohnen. Dadurch gäbe es einen positiven Resonanz- oder Pull-Effekt, der sofort andere Anbieter dazu bewegen würde, selbst eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen und eine möglichst hohe Gemeinwohl-Punktzahl zu erreichen.

These

Öffentliche Haushalte sind korrupt, parteiisch und schwer zu kontrollieren und nur schlecht dazu geeignet das allgemeine Wohl zu garantieren.

Antithese

Die Gefahr der Korruption besteht in der Tat. Dagegen könnte eine allgemeine und öffentlich geförderte Berater*innen- und Auditor*innen-Ausbildung mit festen Strukturen und Kriterien eine Lösung sein, sowie regelmäßige Audits durch Prüfungsgesellschaften, die bisher lediglich die Ordnungsgemäßheit der Finanzbilanz überprüfen unter dem alleinigen Primat der Gewinnmaximierung ohne Berücksichtigung z.B. externer Effekte. Auch müsste der Bankensektor reguliert oder umstrukturiert werden. In ferner Zukunft ist eine Teilverstaatlichung des Bankensektors im Bereich des Kleinkundengeschäfts vielleicht sogar unausweichlich, spätestens nach der nächsten Finanzkrise, die sich bereits jetzt schon am Horizont abzeichnet. Spekulationsgewinne und Wetten auf alles und jedes, z.B. auf schwankende Rohstoffpreise, Hedge Fonds, etc. sollten stark reguliert werden. Die gegenwärtige Stabilität des Finanzsystems gleicht nämlich einem Ritt auf der Rasierklinge, da man sich gegenseitig gleichzeitig für und wider des Eintretens bestimmter Ereignisse absichert, also bewusst gegensätzliche finanzielle Positionen einnimmt, um die globalen Risiken so klein wie möglich zu halten und das Kapital ständig im Kreislauf zu halten. Dabei werden oft innovative Finanzprodukte oder Optionen genutzt, für letztere man lediglich Risikoprämien bezahlen muss. Derjenige, der "short" ist, muss sich absichern und geht daher bevorzugt ein gegenläufiges Geschäft ein, für das er seinerseits eine Risikoprämie zahlen muss. Der Dumme ist regelmäßig der Kleinsparer, der bei solchen Finanztransaktionen nicht mitgehen kann. Heutzutage wird das Geld auf Grund von Arbitrage-Gewinnen an der Börse im Nanosekunden-Takt generiert. Dabei spielen Betriebswirtschaftler mit ihrer Ausbildung praktisch keine Rolle mehr. Es werden mathematisch hochkomplexe Programme genutzt, die von Mathematikern oder Physikern programmiert werden, die im Bruchteil einer Sekunde entscheiden, ob man lieber "out" oder "in" ist. Diese Programme sind so komplex, dass selbst deren Programmierer eigentlich nicht mehr verstehen, wie sie in der Praxis funktionieren und ihre Entscheidungen treffen. Vom Prinzip her basieren sie auf der Modellwelt von Pferdewetten. Der Umstand, dass das Finanzkapital, das im Umlauf ist, das Realkapital der Wirtschaft um ein Vielfaches übersteigt, fördert diese irrationalen Finanztransaktionen. Geld als Rechen-, Tausch- oder Wertaufbewahrungsmittel ist gut. Wenn der Besitz von viel und das Vermehren von immer mehr Geld jedoch als alleinige Maxime, also reines Profitstreben ohne Berücksichtigung externer oder anderer Effekte, die führende Rolle übernehmen, wird es zu einem reinen Finanzkasino, bei dem diejenigen, die bereits jetzt versuchen ökologisch nachhaltig, ethisch vertretbar und Gemeinwohl-orientiert zu handeln, das Nachsehen haben.

Viele freiwillige Labels gibt es, die ein besonderes Umweltbewusstsein anzeigen sollen. Viele wurden aber auch auf Initiative der Industrie durch Lobbygruppen propagiert. Sie gleichen daher eher zahnlosen Tigern, denn sie wurden größtenteils kreiert, um überzogenen Forderungen von Umweltaktivisten und mündigen Konsumenten gleichsam zuvorzukommen. Man denke hier an das Tierschutz-Label, das von der Lobby der Fleischproduzenten eingeführt wurde und lediglich minimale Verbesserungen der Standards in der Tierhaltung vorsieht, aber nach außen hin einen Anschein von hohem Natur- und Tierschutz vorgibt.

Gilt die Gemeinwohl-Bilanz generell für alle Unternehmen, herrscht vollkommene Transparenz. Banken und öffentliche Haushalte können Unternehmen mit besonders hoher Gemeinwohl-Punktzahl belohnen. Nachhaltiges Wirtschaften sollte durch staatlich organisierte Strukturförderung belohnt werden.

Sollten Zinsen abgeschafft werden?

Zinsen üben zwei sehr wichtige Funktionen aus:

  • Ausgleich des Kaufkraftverlusts durch Inflation sowie die
  • Belohnung für die Übernahme des Kreditausfall-Risikos.

Nach Christian Felber sollte privates Finanzvermögen nicht mehr so stark verzinst werden, um der leistungslosen Akkumulation von Kapital in den Händen Weniger zu verhindern. Verdienst oder Gewinn sollte allein auf angemessener Leistung basieren und nicht auf bereits erarbeitetem Kapital oder ererbtem Vermögen.

These

Die Konsequenz ist ein verstaatlichter Bankensektor, bei dem Beamte entscheiden, wer kreditwürdig ist und wer nicht und wer wie viel Geld bekommt. So entsteht leicht ein für Korruption anfälliges System. Wenn Sparvermögen nicht verzinst werden, besteht die Gefahr, dass sich ein Schwarzmarkt bildet, auf dem private Kredite "gedealt" werden. Wer würde sein Geld noch als Kredit zur Verfügung stellen wollen, wenn dies - allein - zur Folge hätte, es im Fall der Fälle nicht mehr wiederzusehen, wenn die Ersparnisse gar nicht erst verzinst würden? Dann wäre man doch besser beraten, das Geld lieber zu Hause zu horten. Außerdem würde versucht werden, das Geld im Ausland verzinslich anzulegen. Um das zu verhindern, müssten Kapitalverkehrskontrollen installiert werden. Zinsen werden nicht nur auf Kredite von Banken an Privatpersonen, an Unternehmen oder an den Staat gezahlt. Auch wenn Bankkunden ihre Ersparnisse auf ein Spar- oder Festgeldkonto einzahlen, dann handelt es sich um einen Kredit von Privatpersonen an die Bank. Anteilsscheine von Unternehmen (Aktien) werfen Dividenden als Zinsen ab. Auch die Beiträge für Lebensversicherungen stellen Kredite dar. Damit ein Zinsverbot wirksam sein kann, muss es für alle Kreditformen gelten, weil ansonsten Ausweichmöglichkeiten offengehalten werden, die ein Zinsverbot unterlaufen können. D.h. es muss ein generelles Zinsverbot sein, sonst funktioniert das nicht. Natürlich ist ein freiwilliger Zinsverzicht prinzipiell in Ordnung. Es handelt sich dann praktisch um eine Spende an den Kreditempfänger. Das ist das Geschäftsmodell der gemeinnützigen Banken, die im Gegenzug aber versprechen, dass sie das zur Verfügung gestellte Geld nur an Gemeinwohl-orientierte Unternehmen zinslos weiterverteilen, natürlich nach Abzug von Verwaltungskosten. Der Ausfall jeglicher Zinserträge bedeutet das generelle Aus für alle privaten Banken. An ihre Stelle tritt ein staatliches Bankensystem, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Bestimmte Geschäftsmodelle wie private Lebens- und Pflegeversicherungen sind allerdings in Gefahr und können so nicht weiterexistieren, es sei denn, sie weichen auf andere Geschäftsfelder aus wie z.B. Immobiliengeschäfte oder den Erwerb und Verkauf von Unternehmen ("Private Equity"). Betroffen sind Risiko-Versicherungen, die irgendwann einen bestimmten Betrag an die Versicherten auszahlen müssen, was sie bisher nur leisten können, indem sie vorübergehende Liquiditäts-Überschüsse "rentierlich" anlegen. Ein Wegfall der Zins-Einkünfte würde zu höheren Versicherungsbeiträgen führen. Der Overhead durch die Überprüfung der Gemeinwohl-Orientierung neben der rein finanziellen Bonität würde einen riesigen Verwaltungs-Apparat entstehen lassen, wenn alle Kreditanträge geprüft werden müssten. Zudem besteht bei der Bewertung der abstrakten Gemeinwohl-Kriterien ein großer Ermessensspielraum. Das System ist nicht nur sehr zeitaufwändig, sondern auch noch in hohem Maße korruptionsanfällig.

Antithese

Aus meiner Sicht sollten Zinsen nicht unbedingt komplett abgeschafft werden, sondern es sollten keine übermäßigen Finanzrenditen (Risikoprämien) erwirtschaftet werden können, die über bloß kostendeckende Ausgaben hinaus anfallen. Das Finanzkasino durch überteuerte Renditeversprechen sollte unterbunden werden. Zinsen finden sich auch in der GWÖ, aber sie sind allein kostendeckend und decken die laufenden Betriebskosten ohne zusätzliche Overheads mit nur geringen Erfolgserträgen. Inflation entsteht ja nicht nur deshalb, weil die Zentralbank so viel Geld auf den Markt bringt und damit den Wert verwässert. Sondern dies erzeugt auch einen immensen Druck, das viele neue Geld verzinslich anzulegen. So kann es zu Fehlallokationen kommen und das Geld verliert praktisch an Wert, wenn zu viele unwirtschaftliche Investitionen getätigt werden. Wenn die Wirtschaft zu sehr überhitzt, wird das Geld quasi verbrannt. Hinzu kommen Blasen durch irrationale Zukunftserwartungen und sich selbstreflexiv verstärkender ökonomischer Prozesse.

Beim Thema Zinsen spielt der Begriff des Mehrwerts eine zentrale Rolle. Wirtschaften lohnt sich nur, wenn sich das Ergebnis rechnet. So war es schon im antiken Handel. Im besten Falle entsteht für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation. Spätestens seit der Einführung einer finanziellen Schuld gegebenüber dem Kapitalgeber wird der Mehrwert zwischen Gläubigern (Zinsen) und dem Unternehmer oder Eigentümer (Finanzgewinn) aufgeteilt. Zinsen zwingen den Unternehmer zum unbedingten Erfolg. Zudem werden sinnvolle, aber wenig lukrative Projekte gar nicht erst angestoßen. Zinsen sprechen zudem die elementaren Emotionen Angst und Siegeswille an, die sich im Kapitalismus sehr negativ auswirken und das Verhalten rücksichtlos machen. Mit einer Beschränkung der Zinsen, gerade bei riskanten Projekten, kann es rational sein, Gewinn für eine gewisse Steigerung des Gemeinwohls zu opfern. Es geht eher um einen ethisch vertretbaren Gewinn. Eine Steigerung des Gemeinwohls kann von Stakeholdern durch Mehrabsatz für das Unternehmen direkt belohnt werden oder zu einem besseren Image des Unternehmens führen und so zu einem breiteren Absatz führen. Auch die Verwaltung von existierendem Vermögen sollte sich am ethisch vertretbaren Gewinn orientieren. Dazu ist eine sinnvolle Regulierung notwendig. Es müssen Grenzlinien gezogen werden zwischen dem, was man tun darf und dem, was nicht. So ist z.B. das Abholzen des Regenwaldes unbedingt als negativ für die gesamte Menschheit zu werten. Hier ist die Politik und die Gesellschaft gefragt.

Ohne Mehrwert wäre Wirtschaften sinnlos. Die Frage eines stetigen und unbegrenzten Wachstums ist dem Prinzip des Mehrwerts geschuldet. Ohne einen gewissen Mehrwert gäbe es kein Wachstum, egal, wie man ihn misst. Es geht aber um eine sinnvolle Balance, die alle Anspruchsgruppen angemessen vertritt. Die der Natur und des Menschen. So gibt es bestimmte Ursachen von Mehrwert, wie z.B. der Raubbau an der Natur, der moralisch als eindeutig negativ zu bewerten ist. Die Not der Unternehmer, zumindest die Gläubiger (Zins) bedienen zu müssen, um selbst ein größeres Vermögen anzuhäufen, animiert zu sozial negativem Verhalten. Dabei steht der Mehrwert im Grunde am Anfang jeder Wirtschaftsleistung. Den soziologischen Aspekt der Nutzbarmachung des Mehrwerts im Rahmen der Arbeitsleistung durch den Kapitalisten als Ausdruck einer Entfremdung hatte ja bereits Karl Marx in "Das Kapital" ausführlich erörtert. Diesen Aspekt kann man in modernen Gesellschaften, in denen Arbeit als an sich sinngebend und Karriere als eine Form von Selbstverwirklichung interpretiert wird, als überholt ansehen. Ein Mehrwert in Geld wird in der Gemeinwohl-Ökonomie durchaus berücksichtigt, allerdings nicht als anzustrebende Zielmarke. Vielmehr sollte ein Mehrwert vorwiegend auf Gefühlsebene entstehen (ein gutes Leben für alle). Die Geldebene findet sich in der Vollbilanz wieder. Beispielsweise unter den Themenaspekten:

A2.1 Faire Geschäftsbeziehungen zu direkten Lieferant*innen, "... um eine wirtschaftliche Existenz aller Beteiligten nebeneinander zu ermöglichen."

B2.1 Solidarische und Gemeinwohl-orientierte Mittelverwendung:
Verpflichtende Indikatoren: u.a. --> Mittelüberschuss aus laufender Geschäftstätigkeit (in Tsd. EUR). Ausschüttung von Gewinnanteilen ausschließlich aus tatsächlich realisierten Gewinnen.

C2.1 Ausgestaltung des Verdienstes:
Verpflichtende Indikatoren: u.a. --> Höchst- und Mindestverdienst (innerbetriebliche Spreizung). Für den Höchstverdienenden ergibt sich ein höherer Mehrwert als für den Geringstverdienenden.

Vergesellschaftung aller "Groß-Unternehmen" (ab 250 Mitarbeitern)?

Christian Felber fordert, dass die Marktmacht von Großunternehmen eingeschränkt werden sollte, indem sie auf einer gewissen Größe gehalten werden. Die Zahl "250" Mitarbeiter war dabei eine willkürlich gewählte Größe.

These

Eine Vergesellschaftung ist weniger effektiv und unnötig, da

  • kleine Unternehmen tendenziell höhere Stückkosten haben,
  • Parlamente und Basisdemokratien für ihre Entscheidungen mühselige und langwierige Prozesse erfordern,
  • dabei die Gefahr besteht, dass die Löhne unproportional zunehmen zu Lasten von Zukunfts-Investitionen,
  • die Vergesellschaftung umgangen werden kann durch rechtzeitige Aufspaltung der Unternehmung oder
  • Outsourcing von Mitarbeitern, die danach unter schlechteren Bedingungen arbeiten müssen.

Antithese

Die Einschränkung auf z.B. 250 Mitarbeiter war sicher eine willkürlich gewählte abstrakte Zahl. Man sollte sich eher am Betriebsoptimum orientieren und das kann von Branche zu Branche verschieden sein. Das Betriebsoptimum sollte sich nicht am Gesamtkostenminimum, dem Stückkostenminimum oder dem Gewinnmaximum orientieren, sondern eher am ethisch vertretbaren Gewinn. Es ist keine fixe Größe. So erleben wir oft zwei gegenläufige Prozesse: Zum einen werden die Riesen unter den Unternehmen verschlankt und in leichter lenkbare flexible Module z.B. in der Form von Profit Centern aufgeteilt, was sich besonders in der heterogenen Technologiebranche bewährt, zum anderen werden Handelsunternehmen zusammengeschlossen, um deren Marktmacht zu erhöhen z.B. durch gemeinsamen Einkauf. Andere Branchen wie der Bankensektor liegen irgendwo zwischen beiden Extremen, wobei es vermehrt zu erkennen ist, dass es auch hier um eine Akkumulation von Macht geht ("too big to fail") und die Bündelung von Kernkompetenzen. Irgendwo gibt es in jeder Branche ein Optimum für die Komplexität einer Verwaltung.

Aus meiner Sicht sind die Akkumulation von Kapital, Monopolmacht und internem Vorteilswissen ein Problem. Der Gewinn der Unternehmen sollte zudem allen Mitarbeitern zu Gute kommen. Kooperation und Mitarbeiterbeteiligungen können ohne Probleme in eine Marktwirtschaft integriert werden, die dafür Rechnung trägt, dass unwirtschaftliche Anbieter und Technologien ausgesiebt werden, was auch die Mitarbeitermotivation stärkt. Eine Vergesellschaftung liefert den Mitarbeitern eine Beteiligung am Unternehmenswert und fördert dadurch die Motivation und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ist aber sicherlich ein massiver Eingriff in das Eigentumsrecht. Dies ist nur möglich durch eine Änderung des Grundgesetzes, vergleichbar mit der Bodenreform in der ehemaligen DDR. Die Frage stellt sich, was mit Unternehmen ausländischer Eigentümer passiert?

Generell zeichnen sich am Horizont vollkommen neue Wirtschaftsmodelle ab wie z.B. die "Sharing Economy", schnelle und einfache Informationswege durch Digitalisierung und Senkung der Transaktionskosten und Verlagerung vieler Funktionen auf den Endkonsumenten (Design, Produktion). Wenn dies von den Unternehmen nicht schnell genug antizipiert wird, wird es über eine Revolution von unten ohnehin passieren.

Kann eine Marktwirtschaft auch funktionabel sein in einer Gemeinwohl-Ökonomie?

Christian Felber plädiert für die Abschaffung der Konkurrenz zwischen den Unternehmen ("Kooperation anstatt Konkurrenz"). Stattdessen sollen sogenannte Kooperationspreise gelten. Diese sollen durch Beschluss basisdemokratischer "Wirtschafts-Konvente" auf lokaler und/oder regionaler Ebene bestimmt werden. Christian Felber fordert auch, dass sich die Unternehmen über den neuesten Stand der Technik und Produktionsmittel gegenseitig verständigen, sich also das fehlende Wissen gegenseitig vermitteln. Dies ist bereits heute schon Realität wie im Deutschen Bauernverband oder in den meisten anderen Branchen auch, bei denen es sich um relativ einfache Produkte und Produktionsverfahren handelt, wie z.B. in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischfang, Handwerk und einfachen Dienstleistungen. Viele Wirtschaftszweige haben eigene (durch Beiträge finanzierte) Interessensvertretungen, die neueste Informationen, Beratungen und Weiterbildung anbieten oder vermitteln, wie z.B. die IHK's (Industrie- und Handelskammern). Christian Felber geht sogar so weit, dass er verlangt, dass die Besserproduzierenden ohne finanziellen Ausgleich ihre Betriebsgeheimnisse offenbaren sollten, die sie in der Regel selber erst durch intensive eigene Forschung und/oder mit hohen Geldbeträgen erworben haben. Dass dieses Wissen tatsächlich zum Nulltarif an andere (möglicherweise unbekannte oder vielleicht unsympathische) Kollegen weitergegeben wird, darf bezweifelt werden. Auch fordert Christian Felber, dass sich die Unternehmen untereinander zinslose Kredite gewähren sollten.

These

Die Abschaffung der Marktwirtschaft im herkömmlichen Sinne mit dem Ziel einer "kooperativen Marktwirtschaft" würde die Festlegung von Preisen und Mengen bedeuten. Dies erhöht die Gefahr von Preisabsprachen, überhöhten Preisen und von Versorgungsengpässen. Problem ist, dass die Kooperationspreise über einen längeren Zeitraum festgelegt werden, da sie ja von den Wirtschafts-Konventen erst nach zeitraubenden Situationsanalysen, Erstellung von Beschlussvorlagen, Studium derselben und längeren Diskussionen geändert werden können, was praktisch einer Art Planwirtschaft gleichkäme, wenn auch nicht so extrem, weil in der GWÖ wenig Hierarchie-Stufen zwischengeschaltet sind. In der Zwischenzeit mag sich die Situation auf den Märkten schon wieder geändert haben. Die Produkte der überflüssigen Güter hat aber den Einsatz von Ressourcen (z.B. Arbeit, Kapital, Rohstoffe, etc.) gekostet. Diese Ressourcen sind nun verbraucht, ohne zum Gemeinwohl beizutragen. Dies hat eine Fehlallokation oder Verschwendung von Ressourcen zur Folge, die woanders sinnvoller hätten eingesetzt werden können, was insgesamt zu einem geringeren Gemeinwohl führt. Das erreichte Gemeinwohl, finanziell bemessen, bleibt also unter dem Niveau zurück, das in einer Marktwirtschaft möglich gewesen wäre. Man denke nur an die Erfahrungen in der ehemaligen DDR und anderen ehemaligen Ostblockstaaten, in denen administrative Preise integraler Bestandteil ihrer Wirtschaftssysteme waren und wesentlich dazu beitrugen, dass die Systeme scheiterten. Insgesamt führt dies also zu einer geringeren Effizienz. Der Leitspruch sollte vielmehr lauten: "So viel Kooperation wie möglich und so viel Konkurrenz wie nötig".

Antithese

Dem letzteren Leitspruch kann ich mich persönlich sehr gut anschließen. Für Zweckgemeinschaften autonomer Unternehmen zur besseren Realisierung gemeinsamer Ziele oder der Lösung gemeinsamer Probleme ist eine Kooperation sinnvoll und in vielen Genossenschaftsbewegungen wie Edeka, Demeter, Molkereien, IHK's oder den Genossenschaftsbanken längst Realität. Die Marktwirtschaft muss nicht abgeschafft werden, sondern eher im Sinne einer weichen sozialen Marktwirtschaft gelten. Ein Markt ist bis heute das effizienteste System, das in der Lage ist, schnell und unkompliziert Gleichgewichtspreise zu bestimmen. Das bedeutet aber nicht, dass alle Güter homogen wären oder dass es nur den - einen - Gleichgewichtspreis gibt, sondern dass eine Differenzierung auf Konsumentenseite anhand der Gemeinwohl-Bilanz integraler Bestandteil des Systems sein sollte. Kooperative Gleichgewichtspreise sollten aus meiner Sicht zudem nicht über einen Wirtschafts-Konvent verhandelt werden, was faktisch natürlich einer Planwirtschaft gleichkäme. Aus meiner Sicht sollten Kooperationspreise auch als Gleichgewichtspreise auf einem Markt bestimmt werden, allerdings mit eingepreisten externen Effekten. Der Marktmechanismus sollte dabei im Kern unangetastet bleiben. Es geht bei der Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz primär und schlicht darum, dem opportunistisch handelnden Anbieter ein gewisses zusätzliches Gewicht anzuhängen, so dass die GWÖ-freundlichen Unternehmen gegen ihn ankommen. Dieses Gewicht bietet einen Kaufanreiz, die Güter bei letzteren zu kaufen, so dass die GWÖ-schädigenden Unternehmen vom Markt verdrängt werden oder bestenfalls ebenfalls nachhaltig und sozial verträglich arbeiten. Mögliche finanzielle Einbußen werden dadurch egalisiert, dass die GWÖ-Unternehmen über ihre regulären Einnahmen hinaus weitere Vorteile genießen wie günstigere Kredite, öffentliche Subventionen, also andersweitige finanzielle Vorteile, die den Unterschied wieder ausgleichen. Der Markt sollte weiterhin als Richtschnur ökonomischen Wirtschaftens dienen. Die Tatsache illegaler Absprachen besteht durchaus. Dies ist aber nicht nur in diesem Fall gegeben. Überall, wo es die Möglichkeit gibt, opportunistisch zu handeln, gibt es Einzelne, die diese Freiräume ausnutzen. Es kommt daher auch auf die Politik an, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Eine geringere Effizienz durch Kooperation muss es nicht unbedingt geben. Tatsächlich ist es eher andersherum (man denke an die Einbindung des Endkonsumenten in den Wertschöpfungskreislauf). Warum sollte zum Beispiel eine Abschottung von Wissen oder Produkte mit bewusst eingeschränkter oder abgeschirmter Funktionalität, die nicht einmal Verbesserung oder Nachrüstung vorsehen, sondern bei denen eine bestimmte Lebensdauer schon bewusst eingeplant wurde, effizient sein? Vielleicht effizient im Sinne des Primats der Gewinnmaximierung, aber sicherlich nicht im Sinne der Verbraucherfreundlichkeit und der globalen Nachhaltigkeit.

Der nach Eigennutz strebende und nach Monopolmacht suchende Unternehmer-Typus, der spätere Kapitalist wider Willen, sollte durch mehr sozial und ethisch verträglichere Leitbilder abgelöst werden. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass, um die Utopie der GWÖ zu realisieren, plötzlich alle Menschen "gut" und "altruistisch" werden müssten. Stattdessen wird, wie es schon in der philosophischen Betrachtung der GWÖ ausführlich diskutiert wurde, Anerkennung anstatt durch die Erlangung von Macht eher durch gegenseitige Unterstützung, Kooperation, Verständnis untereinander und Teilen ersetzt, da es letztlich jedem Menschen, mit Ausnahmen, darum geht, in der Gemeinschaft geachtet und gewertschätzt zu werden, und dies halt über verschiedene Wege erreichbar ist. Nur in Ausnahmefällen gibt es den einsamen Robinson Crusoe, der wider Willen alles alleine schafft, wenn auch wiederum mit über Kultur tradiertem Wissen. Trittbrettfahrer sind nicht auszuschließen, sollten aber durch die Strukturen so weit wie möglich verhindert werden.

Es geht aus meiner Sicht nicht um einen sofortigen Sinneswandel der oberen 1% bis 30%. Dies wird auch in der besten Utopie nicht erreichbar sein. Macht ist zu verführerisch, gerade für Menschen, die ohnehin viel Macht besitzen. Es geht vielmehr um eine Schaffung von mehr Transparenz und Ein- bzw. Mitwirkung der restlichen 70% bis 99%, also der mündigen Endkonsumenten und Bürger. Wer bisher den Ausführungen fleißig gefolgt ist, wird erkennen, dass dies im Kapitalismus Widersprüche heraufbeschwört. Wie kann ein altruistischer, dem Gemeinwohl verpflichteter Unternehmer schließlich zu einem vom Eigennutz getriebenen Kapitalisten werden, der sein erarbeitetes Vermögen mit Klauen verteidigen und möglichst mit unlauteren Mitteln noch vermehren will? Ist es so wie mit Dr. Jekyll & Mr. Hyde? Offenbar ist der einzige Ausweg aus diesem Dilemma die Einführung einer Gemeinwohl-Ökonomie in Verbindung mit einer grundlegenden Reform des Bankensektors, welcher die Vermögensverwaltung organisiert und Gemeinwohl-verträglich regelt. Kapitalisten im klassischen Sinne sollten nicht mehr Bestandteil einer Gemeinwohl-Ökonomie sein. Öffentliche Kapitalgeber sind aber Korruptionsgefahren ausgesetzt, für die sich keiner so richtig verantwortlich fühlt, sei es, dass die Konten öffentlicher Kapitalgeber geplündert werden oder von digitalen Gangstern gekapert ("gehackt") werden können. Dies könnte sich allerdings durch eine Transformation des Bankensektors hin zu einer "demokratischen" Allmende oder Commons mit entsprechenden Prüfungs- und Überwachungsstrukturen zum Besseren hin ändern. Vieles klingt nahezu utopisch, kann aber allein durch Mitwirkung der bisher schweigenden Masse hin zur Einführung einer wirksamen Gemeinwohl-Ökonomie faktisch erreicht werden.

Was ist mit ausländischen Produkten von ausländischen Konkurrenten?

Nach Christian Felber gibt es Probleme, wenn Anbieter aus einer Nachbar-Region, einem Nachbar-Land oder einem Nachbar-Kontinent kommen. Er schlägt vor, Zölle auf diese unerwünschten billigeren Konkurrenz-Produkte zu erheben, so dass die Kosten für diese Anbieter so hoch werden, dass sie damit nicht mehr einen akzeptablen Gewinn erzielen können.

These

Die ausländischen Firmen können die Zollschranken überwinden, indem sie Filialen in den GWÖ-Ländern gründen. Innerhalb der Grenzen der EU existieren fast keinerlei Zollschranken. Außerdem könnte dadurch ein Wettlauf in Sachen Zollschranken entstehen. Die ausländischen Länder könnten zudem einen Lieferboykott für solche Güter beschließen, die dringend für die Güter und Produkte benötigt werden (insbesondere Rohstoffe). Sollte dies passieren, droht ein immenser Schaden für den Welthandel, der zum Zusammenbruch der Wirtschaft in Exportländern führen könnte. Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger könnten ein Niveau erreichen, wie es die heutige Generation bisher noch nicht erlebt hat.

Antithese

Aus meiner Sicht sind Einfuhrzölle unabdingbar. Sie schaden nur dann dem Gemeinwohl, wenn man Gemeinwohl über die Steigerung des finanziellen Wohlstands, im Sinne des GDP, z.B. als eine Steigerung des reinen Bestands am nationalen Geldvermögen festmacht, was aber kein zuverlässiger Indikator für allgemeine Wohlfahrt und schon gar nicht von Gemeinwohl ist. Gemeinwohl-Steigerung bedeutet nicht allein Steigerung des finanziellen Wohlstands. Es kommt mir auch zu Gute, wenn ich in meiner Umgebung frische Luft und reines Trinkwasser genießen kann. Gegenzölle oder sogenannte Strafzölle sind nicht auszuschließen, allerdings betrifft dies aus meiner Sicht nur Industrieländer, während sich aufstrebende Schwellenländer vermutlich bereitwillig der GWÖ anschließen mögen. Gerade was Industrieländer angeht, sind Produktionsbedingungen, Wissen und Technik zu einem gewissen Grade kopierbar, was auch den heimischen Bauern, Arbeitern und Firmen in den Schwellenländern zu Gute kommt. - Freie - Marktwirtschaft hingegen ist ein reiner Rauptierkapitalismus.

Sollte der Patentschutz abgeschafft werden?

These

Technischer Fortschritt bedeutet, dass Erfindungen den Zielen einer

  • besseren Produkt-Qualität,
  • eines gänzlich neuen Produkts,
  • sowie eines effizienten Produktionsverfahrens

dienen. Vorteil für das Gemeinwohl sind

  • längere Haltbarkeit (ökonomische Nachhaltigkeit),
  • weniger Ressourcen-Verbrauch (ökologische Nachhaltigkeit),
  • kürzere Herstellungszeiten, was geringere Kosten und Preise ermöglicht (Steigerung des materiellen Wohlstands) und die
  • Ermöglichung ganz neuer Anwendungsmöglichkeiten (Förderung des Gemeinwohls).

Ein Patentschutz gewährt dem Erfinder ein "temporäres Monopol". Er hat viel Zeit und Geld in Forschung, Entwicklung und Marketing investiert, ohne im Gegenzug entsprechende Einnahmen zu erzielen. Daher soll er im Gegenzug später Gelegenheit bekommen mit Hilfe von höheren Monopolpreisen entsprechend höhere Umsatzerlöse zu erzielen. Ohne Patentschutz ist die Gefahr gegeben, dass der technische Fortschritt erlahmt. Wer würde dann noch Geld, Arbeit und Nerven in Forschung und Entwicklung investieren, wenn alle Unternehmen die Frucht seiner Arbeit kopieren dürften, ohne auch nur einen Finger zu krümmen oder einen Cent zu riskieren, während der Erfinder im Falle eines Scheiterns die negativen Folgen allein schultern müsste? Der Patentschutz ist eine Belohnung dafür, das Risiko des Scheiterns auf sich zu nehmen, verbunden mit hohen finanziellen Verlusten, wenn es nicht so läuft, wie geplant. Von dieser Risikobereitschaft profitiert schließlich auch die gesamte Gesellschaft, wenn dabei ein Produkt entsteht, dass die Arbeit erleichtert, schädliche Umwelteinflüsse verringert oder eine unheilbare Krankheit bekämpfen kann. Nach Ablauf des Patents verpflichtet sich der Innovator außerdem sein Wissen vollständig und für jedermann zugänglich zu veröffentlichen, wozu er ohne Patentschutz nicht gezwungen wäre.

Antithese

Wir erleben eigentlich genau das Gegenteil. Es wird nur dann nachhaltig produziert und entwickelt, wenn es gesellschaftlich akzeptierte Rahmenbedingungen gibt (wie z.B. Energieklassen A bis E, Maximalverbrauch (an CO2), etc.) Unternehmen sich selbst überlassen liefern nur so tolle Sachen wie geplante Obsoleszenz bei verringerter Funktionalität, Ressourcenverschwendung unter Nutzung externer Effekte. Dies ist entgegen dem Sinne von "cradle to cradle", Recycling, Rohstoff-Wiedergewinnung und einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Auch der Patentschutz wird dazu missbraucht, überteuerte Produkte auf den Markt zu bringen. Vielfach erfolgen z.B. in der Pharmaindustrie Kleinstinnovationen teurer Medikamente, während die Weiterentwicklung von und Forschung an billigeren und bereits abgeschriebenen Medikamenten, die oftmals besser, aber unwirtschaftlich sind, gebremst wird. Dies wird nicht zuletzt durch den Lobbyismus der Pharmaindustrie in den Gremien und Arbeitsgruppen der politischen Entscheidungsinstanzen gefördert wie auch in allen anderen Sparten (Energiewirtschaft, Autoindustrie oder Baugewerbe). Patente auf genetisch veränderte Pflanzen oder Tiere sind verwerflich und sollten verboten werden, gerade dann, wenn Koppelgeschäfte bestehen, wo z.B. Bauern, die bestimmte Pflanzenschutzmittel verwenden, auch gezwungen sind nur bei bestimmten Saatgutproduzenten einzukaufen. Damit wird insgesamt eine Monopolmacht von Produzenten aufgebaut, die ökonomisch nachteilig ist. Besonders verwerflich ist es, wenn Forscher sich Heilpflanzen aus tropischen Entwicklungsländern patentieren lassen, die sie sich von den dort Heimischen zeigen lassen. Daraus werden Tinkturen hergestellt, für die dann Patente beantragt werden, ohne dass die armen Länder davon profitieren. Gleichermaßen abzulehnen sind auch Patente auf genetisch veränderte Nutzpflanzen und -tiere. Hoch problematisch ist auch die Tatsache, dass hochpreisige, patentgeschützte Medikamente in vielen Ländern der Erde unerschwinglich sind. Nur selten sind die Patentinhaber dazu bereit, dass in diesen Ländern Generika produziert werden dürfen, da es die Befürchtung gibt, sie gelängen über den Schwarzmarkt verbilligt in die heimischen Märkte. Aus diesem Grund den Patentschutz gänzlich abzuschaffen, hieße aber das Kind mit dem Bade auszuschütten. Probleme ließen sich durch entsprechende gesetzliche Regelungen vermeiden oder durch Finanzhilfen von der WHO (Weltgesundheitsorganisation). Es ist im Allgemeinen aber auch nicht dem Patentschutz geschuldet (den es ja erst gar nicht so lange weltweit gibt), dass es technischen und wissenschaftlichen Fortschritt gibt. Kulturellen und technischen Fortschritt voranzubringen, gehört zur DNA des Menschen!

Fazit der Gruppe Uni50plus, dem auch wir uns anschließen mögen:

Wir sind gegen eine allgemeinverbindliche, gesamtwirtschaftliche Wirtschaftsordnung im Sinne des von Christian Felber propagierten Wirtschaftsmodells. Stattdessen schlagen wir vor, mit diesem Projekt auf der untersten Ebene und auf freiwilliger Basis in einzelnen Unternehmen und anderen Organisationen zu beginnen. Hier kann man das Konzept ausprobieren und testen, was in der Praxis funktioniert und was nicht. Sollte sich auf dieser Ebene herausstellen, dass bestimmte Regelungen nicht zum gewünschten Ziel führen (also der Mehrung des Gemeinwohls) und womöglich sogar das Gegenteil bewirken, dann ist der entstandene Schaden nicht so gravierend. Besser ist es also, dass die Bewegung von unten wächst ("Graswurzel"-Bewegung), wie es heute schon geschieht

  • in der Bio-Landwirtschaft,
  • dem Car-Sharing,
  • den Repair-Cafes und natürlich
  • der derzeitigen Gemeinwohl-Bewegung.

Anhang

Das Markt-Gleichgewicht wird im Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage gefunden. Die Angebotskurve ist steigend und konvex, d.h. die Steigung nimmt immer weiter zu. Dies bedeutet, dass eine Unternehmung annahmegemäß an ihrer Kapazitätsgrenze operiert. Nach dem von A.R.J. Turgot 1767 formulierten Ertragsgesetz am Beispiel des Bodenertrags in der Landwirtschaft folgt auf steigende Produktionsraten (immer mehr Dünger, guter Boden, gute Maschinen) schließlich ein Plateau mit maximalem Ertrag, nach dem wieder fallende Produktionsraten beobachtbar sind, d.h. der Ertrag nimmt kontinuierlich ab (zu viel Dünger, zu wenig guter Boden, Maschinen am Limit). Die Kostenfunktion ist praktisch gesehen das Spiegelbild der Produktionsfunktion. Ein Unternehmen handelt offenbar dann rational, wenn es mindestens im Betriebsoptimum, also dem Punkt seines Gesamtkostenminimums, produziert, vergleichbar mit dem Punkt maximalen Ertrags auf der Produktionskurve. Für den Fall fallender Kosten links vom Betriebsoptimum wäre es rational, die Produktion auszudehnen. Daher wird ein Unternehmen bestrebt sein, an seiner Kapazitätsgrenze zu produzieren, also rechts vom Betriebsoptimum. Dies führt aber gerade auf eine progressiv steigende Kostenfunktion. Betrachten wir eine steigende Kostenfunktion im Bereich abnehmender Produktionsraten, so finden wir:

 

Ertrag_Kostenkurve.jpgGewinn als Differenz zwischen Ertrag und Kosten. Optimum im Gewinnmaximum bei übereinstimmenden Steigungen

 

Der Ertrag ergibt sich über eine lineare Ertragsfunktion, also Preis mal Angebotsmenge. Der Gewinn GW bestimmt sich als Ertrag minus Kosten. Nehmen wir einen fixen Kostenbestandteill Kfix an, so muss das Unternehmen mindestens eine Menge xmin verkaufen, um Verluste zu vermeiden. Das maximale Gewinn ist gegeben bei xopt. Hier entspricht die Steigung der Kostenfunktion dem Preis, d.h. die Grenzkosten für eine zusätzliche marginale Stückeinheit entsprechen dem aktuellen Preis auf dem Markt. Wird weniger verkauft, so ist es rational, die Produktion auszudehnen. Wird mehr verkauft, so steigen die Grenzkosten, der Gewinn nimmt ab und es ist rational, die Produktion zu senken. Auch in der volkswirtschaftlichen Betrachtung wird eine progressiv steigende Angebotskurve angenommen, die eine Produktion an der Kapazitätsgrenze bedeutet. Die Annahme eines linearen Kostenverlaufs bei konstanten variablen Stückkosten Kv würde bedeuten, dass der Gewinn ins Unermessliche steigen würde bei zunehmender Produktion, was offenbar nicht der Realität entspricht. So werden Rohstoffe bei steigender Produktion immer schwerer in gleichbleibender Qualität zu beschaffen sein, mithin steigen die Grenzkosten bei Ausweitung der Produktion. Die gewinnmaximale Produktion ist wie gesagt dann erreicht, wenn

GW = E - K  ...   Maximaler Gewinn bei ... dGW = P - dK/dx = 0

der Preis P den Grenzkosten dK/dx entspricht. Die degressiv (konvex) fallende Nachfragekurve im N-A-Diagramm ergibt sich übrigens aus der Annahme steigenden Nutzens bei einem Mehr an Konsum (positiver Grenznutzen) bei fallender Rate des Nutzens (abnehmender Grenznutzen), d.h. je mehr man hat, desto uninteressanter wird es. Diese Annahmen bezeichnet man allgemein als das erste und zweite Gossen'sche Gesetz. Damit ergibt sich der Preis Popt im volkswirtschaftlichen Optimum wie folgt:

 

Gleichgewicht_N_A.jpgGleichgewicht zwischen Angebot A und Nachfrage N

 

Im volkswirtschaftlichen Optimum entspricht das globale Angebot der globalen Nachfrage. Es ist damit aber nicht unbedingt gesagt, dass die Produktion für - alle - Unternehmen gewinnmaximal ist. Auf jeden Fall scheidet die Annahme einer linearen Stückkostenfunktion als eine zu einfache Modellannahme aus der Betrachtung aus.

(Autor: Olaf Kintzel)