Ennepe-Ruhr-Wupper

Die Philosophie der Gemeinwohl-Ökonomie kritisch hinterfragt!

Logo-Uni50plus-Hagen.jpgGruppe Uni50plus in Hagen

Kürzlich hat sich die Gruppe Uni50plus interessierter und kritischer Geister jenseits der Fünfzig im Rahmen des VHS-Kurses Uni50+ in Hagen (Westfalen) unter Leitung von Dr. Fritz Peter Helms kritisch mit den Thesen von Christian Felber auseinandergesetzt. Die wichtigsten Thesen sind im Download auf der Webseite der Gruppe herunterladbar. Anfang dieses Jahres wurden auch zwei Mitglieder der Regionalgruppe Ennepe, Ruhr & Wupper eingeladen, um über die Gemeinwohl-Ökonomie und die Thesen von Christian Felber zu diskutieren. In diesem Rahmen wurde durch den Koordinator der Regionalgruppe Rolf Weber ein kurzer Abriss der GWÖ gegeben mit einem kleinen Beamer-Vortrag. Im Folgenden sollen die wichtigsten Punkte der kritischen Auseinandersetzung kurz auch von uns kritisch zurückreflektiert werden, speziell dem Verfasser Dr. Olaf Kintzel. Sie entsprechen damit nicht unbedingt der einhelligen Mehrheitsmeinung der Gruppe, sondern spiegeln die Ergebnisse eines längerwährenden individuellen kritischen Meinungsbildungsprozesses wieder. Dazu muss einschränkend gesagt werden, dass die Thesen von Christian Felber nicht in Stein gemeißelt sind und ständig auch von Mitgliedern der Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie hinterfragt und ergänzt bzw. verbessert werden. Man kann die Inhalte der Publikationen von Christian Felber als Denkanstoß für mögliche Lösungen ansehen, die zu eigenem kritischen Denken und hoffentlich auch zu eigenem aktiven Tun einladen wollen.

Die elementaren Grundwerte der Gemeinwohl-Ökonomie und die Realität!

Zunächst einmal wird von der Gruppe Uni50+ anerkannt, dass die elementaren Werte der Gemeinwohl-Ökonomie wie soziale Gerechtigkeit, Schutz der Umwelt, demokratische Mitbestimmung, ethisches Handeln, Nachhaltigkeit, Solidarität und Kooperation erstrebenswert sind. Momentan sehen wir in der Welt wieder einen Rückschritt im Streben nach diesen Werten. Zurzeit beobachten wir in vielen gerade auch entwickelten Ländern eher das Aufflammen von sozialer Ungleichheit, Raubbau an der Natur, Meinungspolarität, Protektionismus, Eigennutzstreben und hemmungsloser Konkurrenz. Dies ist nicht zuletzt auch dem Aufkommen der sozialen Medien und der damit verbundenen leichten Meinungsäußerung geschuldet. Dazu werden für ungenügend gebildete Menschen die Hürden extrem erniedrigt vorschnell und ohne viel Nachdenken ihre Meinung in den öffentlichen Raum zu stellen. Dies kann auch dazu führen, dass eine Gesellschaft polarisiert, verroht und gespalten werden kann. Vielfach werden dabei eher primitive Antriebe im Menschen angesprochen. Die negativen Begleiterscheinungen dieses gesellschaftlichen Meinungsbildungs-prozesses sind oft Narzissmus, also das Aufgehen in der eigenen Filter-Blase gepaart mit Intoleranz für Andersdenkende oder -fühlende. Menschen reagieren dadurch eher kurzsichtig, sind auf schnelle Bedürfnisbefriedigung aus, und ein Großteil der Menschen dreht sich den ganzen Tag um sich selbst. Es wird immer geschaut, wie man in den Augen der Anderen ankommt. Bereitschaft zum geistigen Tiefgang oder Bereitschaft und mentale Stärke sich gegen die herrschende Mehrheitsmeinung zu positionieren wird nicht mehr aufgebracht. Man schwimmt lieber mit im Strom der Einfältigen und geht lieber in der Illusion einer virtuellen Größe und Wichtigkeit auf, die durch möglichst viele Likes und Follower ständig bestätigt werden muss.

Konkurrenz oder Kooperation?

Christian Felber wird dafür kritisiert, dass er eine Utopie einer Gesellschaft an die Wand malt ohne jede empirische oder wissenschaftliche Untermauerung. Er behauptet, dass eine Gesellschaft eher durch Kooperation als Konkurrenz weiterkommt. Ist das tatsächlich so? Eigentlich, wenn man es vom Grunde her betrachtet, ist jeder Mensch auf der Suche nach Anerkennung. Die einzige Frage ist nur, wie man Anerkennung bekommt. Im herrschenden Kapitalismus wird Anerkennung meist über Macht und Reputation gemessen. Dabei geht es im Kern oft darum möglichst wohlhabend oder bedeutend zu sein oder wenigstens so zu erscheinen. Andererseits kann man aber auch Anerkennung bekommen, indem wir kooperativ sind und uns gegenseitig untereinander stützen. Wichtige Werte dabei sind Empathie, Verständnis, Fairness und Ehrlichkeit. Menschen sind verschieden und jeder hat positive wie negative Eigenschaften. Indem jeder seine individuellen Stärken in eine Gemeinschaft einbringt, kann eine Gemeinschaft gedeihen.

Macht als Form der Anerkennung?

Leider wird Anerkennung in unserem momentanen Gesellschaftssystem oft durch Macht definiert. Menschen, die auf Grund von Krankheit oder unglücklicher Lebensschicksale nicht in der Lage sind Macht zu erlangen, sind oft auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. In unserer Gesellschaft sehen wir solche Menschen als Schmarotzer, Sozialabzocker oder Faulenzer an. Wir haben unser Mitgefühl verloren. Dass uns das Erlangen von Macht als Gesellschaft nicht groß weiterbringt, sollte uns endlich aufgehen, denn leider ist Macht sehr ungleich verteilt und Menschen, die Macht haben, können eben andere Menschen, die ihnen gefährlich werden oder an ihrer Macht teilhaben wollen, über ihre Macht beschränken und im Extremfall sogar mundtot machen. Kein Mensch, der Macht hat, käme von sich aus auf die Idee, seine Macht mit anderen zu teilen oder sie abzugeben.

Angst und Siegeswillen als Motivationen im Kapitalismus?

Christian Felber sieht zwei wesentliche Motivationen am Werk: Zum einen die Angst, selbst zu den Machtlosen zu gehören und in unserer Gesellschaft nicht geachtet zu werden und zum zweiten der unbändige Wille siegen zu wollen, also andere Menschen ihrer Macht zu berauben und diese Macht für sich selbst zu beanspruchen. Beides spornt nach der Logik des Kapitalismus Menschen dazu an, sich anzustrengen und sich für die Belange einer Gesellschaft einzusetzen. Doch worin liegt eigentlich der gesellschaftliche Zugewinn? Im Kapitalismus wird Macht meist über Besitz gemessen, am einfachsten über den Besitz von möglichst viel Geld. Geld kann man aber nun einmal auf sehr unterschiedliche Art und Weise verdienen. Doch ist damit nicht gesagt, dass die Aktivität, die zu viel Geld geführt hatte, auch gesellschaftlich relevant war oder den edlen Werten der Menschlichkeit genügen würde. Der Kapitalismus motiviert Menschen nämlich eher dazu möglichst einfach und schnell zu Geld zu kommen. Wenn im Besitz von Geld der allein gültige Gral liegt, ist es verständlich, dass ein rationaler Mensch von sich aus nicht auf die Idee käme, dafür mehr zu tun als nötig und würde für dieses Ziel durchaus betrügen, lügen und täuschen, wenn es nur dem eigenen Vorteil dienlich wäre. Es geht also darum anständig Geld zu verdienen, im übertragenen Sinne.

Was sind die Folgen?

Hinzu kommt der volkswirtschaftliche Effekt. Das Erlangen von Geld ist nämlich immer mit mindestens zwei Nachteilen verbunden. Zum einen hindert derjenige, der durch seine Tätigkeit Geld verdient, dass das Geld in andere Anwendungen fließt. Zum anderen nimmt der Reiche durch das Ausgeben des verdienten Geldes und seinen eigenen nachgelagerten Konsum anderen Menschen wiederum Konsummöglichkeiten fort, da im Allgemeinen Güter knapp sind und eben nicht für alle reichen. Derjenige ist dann im Vorteil, der über mehr Geld verfügt. Kurz gefasst fördert der Kapitalismus die niedersten Antriebe im Menschen und ist generell eher weniger dazu geeignet die allgemeine Wohlfahrt zu erhöhen. Warum wird von der Politik aber immer wieder der heilige Gral von Wachstum und abermals Wachstum vorgebetet und als Maxime allen Strebens ausgerufen? Weil auch Politiker ihre Macht erhalten wollen und wissen, dass dies nur geht, indem sie die Macht der herrschenden Elite erhalten und dies nur geht, indem sie den Rest der Menschen für blöd verkaufen. Es ist auch so, dass die Meinungsbildungsprozesse in einer über Macht regierten Gesellschaftsordnung einfacher sind, während die notwendigen Diskussionen in von Konsens geprägten Gesellschaften Zeit und Kraft kosten, aber für mehr Menschen von Nutzen sind als bloß der Machtelite. Man betrachte auch in diesem Zusammenhang das im Umfeld der Gemeinwohl-Ökonomie praktizierte "Systemische Kondensieren", bei dem man seine persönlichen Widerstände zur einem Sachverhalt artikuliert, wobei man diese auch mit mehr als nur einer Stimme anzeigen kann. Dadurch werden suboptimale Lösungen eher vermieden.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist allgemein konsensfähig!

Aus der Sicht des Autors ist das Gute an der Gemeinwohl-Ökonomie, dass dieser Ansatz allgemein konsensfähig ist. Es geht nicht darum, das momentane Wirtschaftssystem durch eine Art von Revolution umzuwälzen. Dies ist also fundamental anders zu Ansätzen, wie es in repressiven kommunistischen oder theokratischen Gesellschaften der Fall ist. Dort wird der notwendige Sinneswandel mit Gewalt allen Andersdenkenden aufgezwungen. Stattdessen handelt es sich bei der Gemeinwohl-Ökonomie eher um eine Art "weichen Kapitalismus/Sozialismus", bei dem auf einen allmählichen Bewusstseins- oder Sinneswandel gesetzt wird, durch den all die Irrungen und verfestigten Meinungen, die wir bisher in unseren Familien, unseren Schulen, unseren Universitäten oder den Medien vermittelt bekommen haben, langsam und allmählich hinterfragt werden und auf den Prüfstand kommen. Bei dem einen geht das schneller. Bei dem anderen dauert es länger. Es geht auch auf keinen Fall darum, Besitz oder Eigentumsrechte in Frage zu stellen. Das, was sich jemand durch Leistung meint redlich erworben zu haben, soll also niemandem weggenommen werden. Das Konsensfähige an der Gemeinwohl-Ökonomie ist doch,  dass eigentlich jeden Klardenkenden das Gefühl beschleichen sollte, dass das Wesen unseres Wirtschaftsmodells nicht ganz stimmig ist. Die Gemeinwohl-Ökonomie baut auf gesundem Menschenverstand auf und jeder, der wirtschaftet, kann seinen Teil dazu beitragen, die Welt besser zu machen. Indem wir Anderen, wie z.B. der Natur oder Mitwelt, etwas mehr geben oder mehr zugestehen, ohne uns selbst dabei zu sehr den Anreiz zu nehmen mehr Leistung erbringen zu wollen als andere. Leistung muss sich lohnen. Denn allein als "Held der Arbeit" zu gelten, wie so oft im "real-existierenden" Sozialismus als eine Form von Belohnung oder Anerkennung, dafür kann man sich nichts kaufen. Man will einfach einen "Zehner" mit nach Hause nehmen und sich dafür etwas erwerben, was einem persönlich von Wert ist. Aber mal ehrlich: Ist es angemessen, dass ein gutbezahlter Manager eines Unternehmens heutzutage mehr als das Hundertfache von dem verdient, was ein einfacher Facharbeiter verdient? Hier scheinen die Relationen in unserer Gesellschaft durcheinander geraten zu sein.

Was ist die Alternative?

Unser Wirtschaftssystem erhält seine Dynamik über das Eingehen von Schulden. Rein praktisch gesehen sind Schulden nur ein Saldoposten in einer Bilanz, entfalten aber in einer vernetzten Welt eine verhängnisvolle Wirkung. Denn langfristig kennen Schulden nur einen Trend nach oben und viele betroffene Staaten laufen Gefahr Kredite nicht mehr bedienen zu können. Daher sind höchstwahrscheinlich eine globale Währungsreform oder ein globaler Schuldenschnitt in nicht allzu ferner Zukunft unausweichlich. Dann werden wir an einen Punkt kommen, an dem wir uns fragen werden: "Gut, wir haben uns geirrt. Lasst uns noch einmal von vorne anfangen, aber machen wir es dieses Mal richtig!". Das Problem dabei ist, dass wir nur einen Planeten haben, auf dem wir leben. Wir haben keine zweite Chance. Wir können nicht einfach wieder bei null anfangen. Der Regenwald, der abgeholzt wurde, bleibt abgeholzt. Der Klimawandel, der wirkt, lässt sich nicht so einfach wieder rückgängig machen. Daher müssen wir frühzeitig handeln, bevor es für uns als gesamte Menschheit zu spät ist. Wer meint, dass er nichts dazu beitragen kann, hat unrecht. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Alternative, die zumindest einen Lichtschimmer am anderen Ende des Tunnels erkennen lässt. Es ist zwar so, als würde man auf hoher See Planken und Bohlen in sein Boot einziehen, damit kein Wasser eindringt, aber welche weiteren belastbaren Möglichkeiten gibt es noch? Einen sicheren Hafen zu finden wird mit fortschreitender Zeit wohl immer unwahrscheinlicher.