Ennepe-Ruhr-Wupper

Kooperation vor Konkurrenz? Oder eher eine unfaire Gesellschaft?

bucher.jpg__1096x339_q85_crop_subsampling-2_upscale.jpgKritische Reflexion der scheinbaren Antimonie Kooperation vs. Konkurrenz

Die Aussage, dass jegliches Verhalten allein auf Egoismus beruhe, greift offenbar zu kurz. Auch ist die Definition von Egoismus nicht ganz klar. Ist es schon Egoismus, wenn ich nur mache, was ich will, oder ist das nicht eher Egozentrik? Oder ist es nicht nur dann Egoismus, wenn ich dabei, was ich tue, die Gefühle oder Ansichten anderer nicht achte oder verletze?

Tatsächlich versteht man Gruppenkooperation in der Evolutionsbiologie als eine Form von Egoismus (im Sinne "egoistischer Gene" nach Dawkins), also im Prinzip als eine Form von Konkurrenz. Drückt man nämlich die geltenden Verwandtschaftsverhältnisse in Zahlen aus, so geben diese im Tierreich nicht selten die praktizierten evolutionären Strategien wieder. Dies allein liefert aber noch keine Erklärung für die Tatsache, warum radikale Selbstlosigkeit beim Menschen möglich ist, also der selbstlose Dienst an Gruppenmitgliedern, dem "Volk", ja manchmal, an vollkommen Wildfremden. Da hier jeweils andere die Nutznießer sind, ist dies evolutionär gesehen eindeutig ein Nachteil. Da es jedoch immer wieder Menschen gibt, die sich zwanglos und selbstbestimmt in den Dienst anderer stellen und über ihre persönliche Sphäre hinausgreifen, muss man dies wohl als ein in jedem Menschen irgendwie angelegtes Grundverhalten auffassen. Da man dies also eine Form der Kooperation ansehen kann, die einem selbst keine unmittelbaren Vorteile bringt, kann man annehmen, dass die Bereitschaft zur Kooperation in jedem Menschen angelegt ist.

Auch Werte können eine Schmiermittelfunktion übernehmen. Wenn ich selbst darauf vertrauen kann, dass der andere die gleiche Grundhaltung hat oder die gleichen Werte teilt wie ich selbst (Kultur, Staat), kann ich mich selbst erst vertrauensvoll in einer Beziehung offenbaren und dem anderen öffnen. Wenn ich stets die Befürchtung haben müsste, hintergangen zu werden, sind gelingende Beziehungen nicht möglich oder sehr schwierig. Einem sogenannten Gutmenschen niedere Beweggründe zu unterstellen, ist auch nicht zielführend. Es kann ja durchaus sein, dass ein Altruist die geltenden Werte für sich zur eigenen Natur gemacht hat, sie verinnerlicht hat und dies keiner Rechtfertigung mehr vor sich selbst bedarf. Man könnte ihn vielleicht als einen voll-selbstverwirklichten Menschen verstehen, der im Dienst am anderen aufgeht. Es geht also primär darum, die hellen Werte zu verinnerlichen, im Hier und Jetzt zu sein. Das können aber nur die wenigsten. Das Leben eines Großteils der Menschen in der modernen Gesellschaft ist nur geprägt von der Jagd nach schnellem und immer mehr Konsum, Statusdenken und Wettbewerb untereinander, ohne über die Scholle des eigenen Daseins hinauszublicken.

Kooperation als eine Win-Win-Situation rationaler Partner zu verstehen, die eigentlich konkurrieren und ihren Nutzen maximieren wollen, ist jedem hinlänglich verständlich, denn welches Unternehmen würde aus freien Stücken einem anderen Unternehmen etwas schenken oder unentgeltlich überlassen, wenn es nicht im Gegenzug daraus einen Vorteil ziehen würde? Dies ist vollkommen im Einklang mit der herrschenden Moral in der Gesellschaft und dem Profitdenken im Rahmen des vorherrschenden Kapitalismus, was im Rahmen der Gemeinwohl-Ökonomie so aber nicht der Fall sein muss.

Kooperation gedeiht dort am besten, wo die Gesellschaft einigermaßen homogen, gerecht und fair ist. Ein Beispiel aus dem Tierreich zu Fairness: Gibt man zwei Kapuzineräffchen, die gemeinsam angestrengt an einer Aufgabe arbeiten, jeweils zur Belohnung Gurkenscheiben, so kooperieren sie. Gibt man einem der Äffchen Gurkenscheiben und dem anderen viel leckere Weintrauben, dann hört der eine Affe, der sich ungerecht behandelt fühlt, nicht nur auf zu kooperieren, sondern würde dem anderen Affen sogar liebend gerne an seine Gurgel, ein destruktives Verhalten, was beim Menschen meist durch den präfrontalen Cortex verhindert wird. Oder ein Beispiel zu Fairness und Gerechtigkeit unter Menschen: Gut bekannt ist das sogenannte Ultimatum-Spiel. Ein fester Betrag von z.B. 100€ soll aufgeteilt werden. Eine Person A, der dieser Betrag übergeben wird, muss sich entscheiden, wie viel sie einer Person B zugesteht, die ihrerseits, wenn diese den zugeteilten Betrag als nicht angemessen empfindet, den gesamten Vorgang platzen lassen kann. Dann bekommt auch Person A nichts. In egalitären Gesellschaften, in denen die gegenseitigen Bindungen untereinander stark und die Mitglieder wechselseitig aufeinander angewiesen sind, ist man bereit, mehr zu geben, bzw. man verlangt auch mehr, je nachdem von welcher Warte aus man es betrachtet. Gleichheit und Fairness innerhalb der Gesellschaft sind als Kitt für den sozialen Zusammenhalt also unbedingt notwendig. Doch es gibt Unterschiede, je nach Kultur, in der man aufgewachsen ist, d.h. ob man eher individualistisch und stärker eigennutzorientiert handelt oder egalitär und stärker gemeinschaftsbindend ausgerichtet ist. Im Moment, wo sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet, erodiert auch die gemeinsame Basis für Kooperation zusehends.

Auch Vertrauen ist wichtig. Jeder Betroffene muss darauf vertrauen können, dass der andere ebenso sein Wort hält oder einen fairen Anteil gibt. Einen wichtigen Impuls mit Signalcharakter, um diese Vertrauenswürdigkeit nach außen hin zu vermitteln, ist Ansehen als eine Form von Vertrauensvorschuss. Ansehen ist nicht gleich Status. Ansehen bedeutet Wertebasiertheit, Reputation auf Grund inneren Reichtums, während Status mehr konsum-orientiert ist und äußeren Reichtum nach außen hin anzeigt, d.h. materiellen Reichtum oder Macht. Ansehen ist ein soziales Kapital, das in vergangenen Beziehungen erworben wurde, das auf Werten, Reputation und Vertrauen basiert. Ansehen ist eine Art von gelebter Rechtschaffenheit, Weisheit, Demut und Achtung vor der Mitwelt. Kennt man den anderen Partner nicht, fährt man gut, wenn man darauf vertrauen kann ("ehrbarer Kaufmann"). Was ist aber, wenn Ansehen auf Basis von Anti-Werten erworben wurde, oder sogar auf Missbrauch von Macht beruht?

Kooperation basiert auf Vertrauen, gegenseitigem Respekt und Achtung voreinander.  Wenn eine Übereinkunft auf hellen Werten basiert und alle danach handeln, ist es gut. Es muss also Vertrauen da sein, dass auch alle anderen ebenso fair, ehrlich und vertrauensvoll handeln wie ich selbst, und nicht etwa betrügen. Es ist also wichtig, erkennen zu können, ob die anderen Mitbewerber bzw. -spieler kooperieren wollen!

Im Rahmen von spieltheoretischen Modellen hat man verschiedene Strategien gegeinander antreten lassen. Verblüffenderweise hat sich herausgestellt, dass die einfachste Strategie und damit das kürzeste Programm, allen anderen überlegen war: "Tit for Tat". "Tit for Tat" bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, tue dem anderen das, was dir der andere tut. Also kooperiert er, kooperiere auch. Wenn er aber nicht kooperiert, dann kooperiere auch nicht. Das offensichtliche Problem dabei ist allerdings, dass man sich so schnell in einer Abwärtsspirale aus Vergeltung wiederfindet. Am besten war also eine Strategie, bei der zufällig von Zeit zu Zeit wieder einseitig kooperiert wurde, um diesem Phänomen zu entkommen. Kooperation ist also nicht nur abhängig von Vertrauen und Fairness, sondern basiert zu einem großen Teil auf gegenseitiger Beziehungsfähigkeit, Empathie, Verständnis und Wertschätzung, die man dem anderen entgegenbringt, um Nicht-Kooperation zu vermeiden.

Um ein Verhalten mehr in eine Richtung zu lenken, das wünschenswert in Sachen Kooperation ist, sind auch Anreize von Bedeutung, um die eigene Trägheit zu überwinden und das Verhalten in eine Richtung zu lenken, die gesellschaftlich gewollt ist. Einem nun aber mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen und zu behaupten, dass sei alles schlecht, was man so tue, ist eindeutig kontraproduktiv. Konkurrenz und Wettbewerb ist ein Teil des Grundrepertoires menschlichen Verhaltens. Kooperation aber eben auch. Um Möglichkeiten zu eröffnen, in gelingenden Beziehungen kooperativ miteinander verhandeln zu können, sind allerdings, wie bereits ausgeführt, bestimmte Vorbedingungen notwendig.

(Autor: Olaf Kintzel)