Ennepe-Ruhr-Wupper

Kooperation vor Konkurrenz? Oder nur ein Wertemangel?

bucher.jpg__1096x339_q85_crop_subsampling-2_upscale.jpgKritische Reflexion der scheinbaren Antimonie Konkurrenz vs. Kooperation

Als Insider der Gemeinwohl-Ökonomie möchte ich mit einem für mich geltenden kleinen Missverständnis aufräumen. Vielfach wird behauptet, Kooperation stehe unbedingt vor Konkurrenz oder noch schlimmer, Konkurrenz als solche sei sogar von Übel, was im Allgemeinen leicht einleuchten sollte, wenn man nur die verheerenden Folgen in der Welt beobachtet, die von dunklen Emotionen wie Gier, Neid oder blankem Egoismus erzeugt werden. Dabei handelt es sich für mich aber um nichts weiter als Haarspalterei, Wortklauberei und eine reine Philosophie der Worte.

Als Menschen und Mitglied der Natur können wir nicht anders, als uns, unsere eigenen Ansprüche und Vorstellungen über die der anderen zu stellen, sonst hätten wir insgesamt als Menschheit in der Evolution nicht überlebt. Konkurrenz ist allgegenwärtig. Wir konkurrieren um Lebensmittel. Wir konkurrieren um Arbeitsplätze. Wir konkurrieren um Wohnraum. Wir konkurrieren um mögliche Lebenspartner. Wir leben leider nicht in einem Schlaraffenland und Welt des Überflusses, sondern sind gezwungen, um knappe Ressourcen zu kämpfen und uns im Leben zu behaupten, wenn wir überleben und unsere Gene weitergeben wollen.

Konkurrenz ist per se erst einmal nichts Schlechtes. Es ist nur die Frage, welche Stilblüten sie treibt. Auch der Begriff der Kooperation wird häufig missverstanden. Betrachten wir Kooperation einmal als Nash-Gleichgewicht rationaler Partner, die um knappe Ressourcen konkurrieren und ihren Nutzen maximieren wollen. Dann handelt es sich bei Kooperation schlicht um nichts anderes als sich gegenseitig fördernde Konkurrenz im Sinne einer Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Egoismus und Eigensinn gehört zum Menschen. Es gibt die einen, die wollen möglichst viel Geld verdienen. Andere wollen lediglich Spaß im Leben haben. Dann gibt es jene, die die Welt ein wenig besser machen und gleichzeitig gutes Karma sammeln wollen. Alle wollen ständig irgendwas. Unser Gehirn ist ständig aktiv und auf der Suche. Wir können unsere Begierden und Wünsche nicht einfach auf Knopfdruck abschalten. Soll das heißen, es gäbe keine Empathie, kein Mitgefühl, keine Tugend? Mitnichten, aber auch diese werden letztlich über unseren Bauch bewertet. Es gibt keinen wertfreien, an sich seienden, von jeder Emotion losgelösten Gedanken. Im Bauch sitzt aber unser Ego und es gibt durchaus einen hellen und einen dunklen Egoismus.

Bei manchen scheint es ein wenig undurchsichtiger zu sein. Ja selbst der Gutmensch, der sich öffentlich als so wahnsinnig altruistisch präsentiert, will was. Wenn es auch nur das Gefühl der eigenen moralischen Überlegenheit ist. Aber auch solche Menschen sind letztlich Egoisten. Sie wollen sich gut fühlen, vielleicht moralisch höherwertiger als andere. In diesem Sinne könnte man Kooperation als eine positive Ausprägung von Konkurrenz verstehen und das Gegensatzpaar Konkurrenz-Kooperation würde sich in Wohlgefallen auflösen. Wettbewerb und Konkurrenz gehören zum Leben und sind prägende Bestandteile unserer Natur. Warum haben in der Vergangenheit viele Menschen der Nachwelt so großartige Leistungen hinterlassen? War es nicht auf Grund von Wettbewerb, Konkurrenz oder Egoismus, selbst, wenn es nur der egoistische Wunsch nach Perfektion war? Egoismus ist nun einmal existent und lässt sich nicht einfach wegdiskutieren.

Was aber wirklich Not tut ist eine Änderung der Werte!

Tatsächlich leben wir in einem Zustand der Sinnleere. Wir befinden uns in der modernen Zivilisation in einer fundamentalen Wertekrise. Werte sind Navigationspunkte oder Leitsterne, die unser Handeln lenken. Wie wir ticken, wie wir in Beziehungen handeln, wird uns mehr oder weniger durch unsere Gene und unsere Kultur diktiert. Gegen unsere Gene können wir nicht viel tun. Unsere Kultur aber können wir ändern. Es wäre schön, wenn jeder erkennen würde, dass der dunkle egoistische blanke Trieb nach Geld, Macht und Status nicht zum Besten ist für die Gesellschaft, die Natur und die gesamte Mitwelt. Anstatt uns Menschen zu ändern, die sich nur schwerlich ändern lassen, wäre es gut, wenn sich die Regeln ändern würden, nach denen wir Menschen miteinander und im Austausch mit unserer Mitwelt leben, damit wir alle mehr auf helle Art und Weise egoistisch handeln können und wollen.

Es wäre also gut, wenn sich peu a peu die Werte des Zusammenlebens innerhalb der Gesellschaft zum Besseren hin verändern würden. Hin zu Großzügigkeit, Respekt, Wohlwollen, Anerkennung und gegenseitiger Wertschätzung, also einem eher hellen Egoismus im Sinne eines übergeordneten größeren Ganzen, einer Art Welt-Ethos. Weg von Anti-Werten, also einem eher dunklen Egoismus. Gegen Konkurrenz und Wettbewerb können wir wohl nicht viel ausrichten. Im Gegenteil, sie können wichtige Triebfedern von Innovationen sein. Kooperation ist natürlich wünschenswert, wenn auch in manchen Lebenslagen utopisch, aber erst die Änderung der Zielrichtung, also der Werte, macht den Unterschied. Wir befinden uns momentan in einer fundamentalen Sinnkrise und durchleben einen Wertemangel.

Die GWÖ liefert eine Grundlage für einen Wertewandel: die addierten Gemeinwohl-Punkte in der Gemeinwohl-Bilanz. Konkurrenz um Geld oder Profit wird ersetzt durch Konkurrenz um den höchstmöglichen Gemeinwohl-Beitrag, was gleichzeitig in geschickter Weise eine bestmögliche Kooperation im jeweiligen Umfeld beinhaltet. Ein konkretes Beispiel, allerdings noch auf Geldbasis: In Deutschland wird nicht veröffentlicht, wer wie viel Steuern entrichtet. Im Ergebnis ist es für ein Individuum der Gesellschaft vollkommen rational, so wenig Steuern zu bezahlen wie möglich. Anders in Schweden: Hier werden die gezahlten Steuern offengelegt. Dort sind die Menschen stolz auf ihren Beitrag für das gemeinsame Zusammenleben, was auch ein Grund für das gute soziale Klima in den skandinavischen Ländern ist.

(Autor: Olaf Kintzel in Kooperation mit Rolf Weber (letzter Absatz))